EINE WÜSTE

Letzten Winter verbrachte ich acht Wochen Langzeiturlaub in der Oase Zarzis südlich von Djerba. Meine Frau lag wegen einer Hüftoperation im Krankenhaus und sollte anschließend gleich in REHA, deshalb drängte sie mich darauf, alleine ins Hotel zu fliegen. Seit wir im Rentenalter sind, haben wir sonst immer gemeinsam solche ausgedehnten Ferien mit All-Inclusive-Verpflegung unternommen. Nun also zog ich einsam die paar Wochen durch.

Am Hotel war der Strand breit und fest und man konnte im frischen Wind kilometerlang wandern, ohne dass einem ein weiterer Tourist begegnet wäre.

Wenn immer wieder in den Böen der Sand hochgewirbelt wurde, konnte man sich gut vorstellen, wie es dort in der Gegend in der nicht weit entfernten Wüste zur Sache ging.

Eines Vormittags kam mir bei solch einem Spaziergang eine voll verschleierte Dame entgegen. Diese winkte mir zu, stehen zu bleiben. Dann redete sie in einer mir unverstädlichen Sprache auf mich ein. Ich zuckte nur die Schultern und zeigte auf meine Ohren.

Sie aber zeigte immer wieder zwischen meine Beine und fuchtelte mit den Händen Richtung Landseite. Was die wohl von mir wollte? Jetzt zog sie mich an der Schulter und deutete wieder zwischen meine feisten Rentner-Schenkel.

Gut, man will ja niemand vor den Kopf stoßen. Insgeheim dachte ich an die Märchen aus "tausendundeiner Nacht" und malte mir aus, was jetzt eventuell in so einem Berberzelt auf mich zu kommen könnte. Voller Hoffnung tapste ich über eine staubige Straße hinter dem verhüllten Wesen her. Dort lag mitten in der Wüste ein Ladengeschäft, vor dem mehrere Kleidungsstücke im Wind baumelten. Die Verschleierte bugsierte mich in den Verkaufsraum, wies mit dem Zeigefinger auf meine Hose und sagte laut: "Adidas". Ja, dieser Name stand breit auf dem Bund meiner Jogginghose.

Geschäftstüchtig schleppte die Frau nun alle möglichen Büxen durch die Gegend. Auf allen stand "Adidas", "Puma" oder "Nike" drauf. Mein Interesse war aber in der Zwischenzeit merklich abgekühlt. Außerdem gab es in meiner Konfektionsgröße 5XL sowieso nichts passendes.

Die Dame spürte meine Enttäuschung. Was von ihrem Gesicht zu erkennen war, lief nun rot an. Ihre Augen sprühten Funken. Nun bekam ich es mit der Angst zu tun.

Blitzschnell griff ich eine Baseballmütze aus einem Verkaufsständer und legte einen 5-Euro-Schein auf den Tresen. Als die Frau nach dem Geldschein schnappte, war ich auch schon vor der Tür und lief eilig Richtung Meer.

Für uns beide war es wohl ein Vormittag voller gegenseitiger Enttäuschungen bei falsch gepolter Erwartungshaltung gewesen.

Als ich wieder im Hotel eintraf und auf meinem Zimmer in den Spiegel starrte, sah ich, dass ich unterwegs diese seltsame Alibi-Mütze aufgesetzt hatte.

Auf der Kappe stand der Schriftzug "Bayern München". Nun gut, jetzt kam es ja auf eine weitere Enttäuschung auch nicht an. Kopfschüttelnd warf ich die Mütze in den Papierkorb.
OHROPAX
Winter Rain

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