Liebe Lizzy,
du erzeugst in deinem Gedicht eine ambivalente Atmosphäre zwischen Gemütlichkeit und Bedeutungslosigkeit. So hast du das Wesen des Escapism gut auf den Punkt gebracht: vor den unbehaglichen Vorgängen der eigenen Seele in einem "öden" Leben (wie es das LI auf den Punkt bringt) in seine gute Stube fliehen und die Zeit mit einem Serienmarathon sauesen lassen.
Wer kennt dies nicht? Und wer kennt nicht die leichte Reue danach, wenn einem dämmert, dass man evtl. eine ganze Menge Zeit verschwendet hat. Was hätte man mit dieser Zeit sonst noch alles anstellen können? Dein LI aber scheint diese Reue nicht zu haben (Serien werden im letzten Vers als Gewinn bezeichnet), interessanterweise weil das Leben selbst bedeutungslos und öde ist. Das finde ich in seiner provokanten Zuspitzung gegenüber der gängigen Vorstellung, das Leben habe einen Sinn und man müsse ihn für sich herausfinden, sehr interessant. Denn dein LI sagt, das Leben selbst habe keinen tieferen Sinn und sucht diesen in der Kunst. Das erinnert stark an Schopenhauer, der in der Kunst den einzigen (wenn auch nicht anhaltenden) Ausweg aus dem alles verzehrenden Willen zum Leben und der daraus resultierenden Absurdität des Lebens sah.
Auch wenn ich das Leben, insbesondere die Einbindung in die Natur und das Erleben von Freundschaft, als sinnvoll erachte, kommt auch mir manchmal der Gedanke: "Igitt! Realität!" Dann wende ich mich der Kunst oder der Mathematik zu. Insofern kann ich diese Momente der Abkehr vom "realen" Leben und diese Sinnsuche in der Kunst gut nachvollziehen.
Was ich gerne noch in konstruktiver Absicht nachtragen möchte: Das Versmaß sieht zwar nicht wie Kraut und Rüben aus, aber es gibt diese kleinen Unebenheiten, über die man als Leser ein wenig stolpert und die man sicher mit wenig Aufwand glätten lassen kann, da es eigentlich nur zwei Sorten von "Unfeinheiten" sind, die in dem ansonsten gut geschriebenen Gedicht auffallen:
1. Die Anzahl der Hebungen (betonter Silben im Vers) variiert, was an sich nicht schlimm ist. Wenn es ein Muster gibt, wie z.B.: 1. Vers vierhebig - 2. Vers dreihebig - 3. Vers vierhebig usw., dann ist das gar kein Problem, da sich das Gehirn des Lesers ja auf dieses Muster einstellen kann. So etwas ist auch durchaus üblich. In deinem Gedicht dachte ich zunächst auch, dass es ein Muster gäbe, denn in den ersten drei Strophen waren jeweils die ersten beiden Verse vierhebig und die letzten beiden dreihebig. Das fand ich dann schon ziemlich cool, weil die kürzeren Verse jeweils mit dem Inhalt konkreter Serien in Verbindung standen - das hat dann den kurzweiligen Charakter der Serien unterstrichen, die ja auch, wenn man sich so reingefiebert hat, schneller rum sind, als einem lieb ist.
Dann hat aber die vierte Strophe mit diesem Muster gebrochen. Dort waren plötzlich alle vier Verse vierhebig. Und das bricht eben auch mit der Erwartung des Lesers, der nicht nur kognitiv, sondern auch vom Rhythmusgefühl her irritiert wird. Für mich fühlt sich das so an, wie wenn man eine Treppe runter geht und ganz unten machen die Augen eine Fehleinschätzung: Deuten noch eine weitere Stufe in die Kacheln hinein, obwohl dort keine mehr ist. Und dann macht man diesen unangenehmen Schritt in falscher Erwartung. Kennst du diesen vermeintlichen Stufenschritt? So ähnlich fühlt es sich an, wenn ein Muster im Versmaß nicht weiterverfolgt wird.
In der fünften Strophe verändert es sich dann erneut. Jetzt sind die ersten beiden Verse dreihebig und die letzten beiden Verse vierhebig.
2. Die Versanfänge beginnen manchmal mit Hebungen (betonten Silben) und manchmal mit Senkungen (unbetonten Silben). Das ist jedes Mal eine Stolpergefahr für den Leser. Ich gehe mal einen Vers nach dem anderen durch und beschreibe nur, ob er jeweils mit Hebung (H) oder Senkung (S) beginnt, damit du ein Gespür für die Unregelmäßigkeit kriegst, die ich als Leser eben auch empfinde und vielleicht auch als Startpunkt, das zu glätten, wenn du magst:
SHSS HHSH SSSH SSHH SSSH
Das lässt sich bestimmt ziemlich einfach ausbügeln. Meine Empfehlung: Entscheide dich für einen Versanfang mit Senkung und schaue bei jedem Vers mit Hebung zu Beginn, wie du noch eine unbetonte Silbe davor unterkriegen kannst. Dann wird sich das schöne Gedicht flüssiger lesen lassen.
Liebe Grüße
Schmuddi