Hallo Endeavour,
danke dir erstmal für die genaue und auch handwerklich saubere Rückmeldung – die Punkte, die du nennst, sind ja alle nicht aus der Luft gegriffen. Metrische Uneinheitlichkeit, der Hiat in V.7, die teils schief wirkende Syntax, auch einzelne Reime: das ist alles tatsächlich im Text vorhanden und lässt sich objektiv so feststellen.
Ich würde nur in der Bewertung etwas anders ansetzen.
Was die „durcheinanderwirbelnden Drei-, Vier- und Fünfheber“ betrifft: Ja, ein durchgehendes Metrum liegt nicht vor. Für mich ist das aber weniger ein Zerfall als vielmehr eine Verschiebung hin zu einer sprechnahen Bewegung. Die Verse folgen nicht primär einem Takt, sondern einem Gedankenverlauf. Der Text behauptet etwas, relativiert es sofort wieder, tastet sich weiter – und genau dieses tastende Moment spiegelt sich in der metrischen Instabilität. Es ist kein Marsch, eher ein inneres Abwägen.
Ähnlich bei der Syntax. Die ist stellenweise tatsächlich „schräg“, etwa in „fühlt sich mir mein Weg gut“. Das ist kein klassischer Bau. Aber gerade diese leichte Verschiebung erzeugt für mich den Eindruck, dass hier nicht eine fertige Aussage formuliert wird, sondern dass sich der Gedanke im Sprechen erst sortiert. Es hat etwas Unfertiges, Suchendes – und das scheint mir eher passend als störend.
Der Hiat in „Spur, die“ ist natürlich da, keine Frage. Wenn man streng formal schaut, ist das unsauber. Beim Sprechen hat diese Stelle für mich aber fast eine eigene Qualität: dieses kleine Auseinanderfallen im Klang passt ziemlich genau zu dem Bild der Spur im Schnee – etwas, das nicht geschlossen, sondern unterbrochen und vergänglich ist. Man kann das also hören als Schwäche oder als bewussten (oder zumindest funktionalen) Bruch.
Zu den Reimen: „weh tut / Demut / ruht“ ist sicher kein Paradebeispiel für Reinkultur. Und das war auch nicht beabsichtigt - es ist das Spiel klanglicher Nähe in Variation gestrickt. Gleichzeitig entsteht darüber eine inhaltliche Linie – vom Schmerz über die Reflexion hin zum Bild der Ruhe. Der Reim verbindet hier weniger auf höchstem klanglichen Niveau, sondern eher semantisch. Ähnlich die „Grapefruit“-Stelle: formal ein eher harter, fast störender Reim, aber genau dadurch kommt diese süß-bittere Doppelbedeutung ins Spiel, die für mich einen Kern des Textes trifft.
Insgesamt würde ich sagen: Der Text ist formal nicht sauber im klassischen Sinn, aber auch nicht beliebig. Die Brüche – im Metrum, in der Syntax, im Klang – stehen in einem gewissen Verhältnis zu dem, was inhaltlich passiert: ein permanentes Relativieren, Zurücknehmen, Neuansetzen.
Dein Hinweis, dass hier versucht wird, „dem alltäglichen Herumgereime etwas entgegenzusetzen“, ist für mich eigentlich der treffendste Punkt deiner Kritik. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich der Text – zwischen gebundener Form und einem gewissen Widerstand gegen zu glatte Geschlossenheit.
Viele Grüße, Terrapin.