Auf dem Weg
Lugo, Galizien. Eine Parkbank im Schatten einer Platane, direkt vor der Kathedrale. Jenseits des Blätterdachs lag das Mittagslicht hart und unbewegt auf dem Pflaster; die Hitze ließ die fernen Häuserzeilen flimmern wie etwas, das nicht ganz wirklich war.
Ein Mann in einem weißen Hemd, die Krawatte gelockert, aß sein Sandwich. Er kaute langsam, die Augen blickten stur auf den Boden.
Ein Pilger ließ sich am anderen Ende der Bank nieder. Er bewegte sich schwerfällig; der Rucksack knarrte bei jedem Atemzug. Grauer Bart, dunkle Sonnenbrille, ein massiver Wanderstab aus Kastanienholz. Er zog den rechten Stiefel aus und massierte schweigend seinen Fuß.
Nach einer Weile sagte er, ohne aufzusehen:
„Gutes Wetter heute.“
„Zu heiß.“
„Sind Sie von hier?“
„Ich arbeite dort drüben.“ Der Angestellte deutete auf den modernen Glasbau, der hinter den alten Dächern der Unterstadt aufragte. „ThermoTech.“
Der Pilger hielt inne – die Hand noch am nackten Fuß. Er rührte sich nicht, starrte ein paar Sekunde lang auf das Pflaster vor seinen Zehen, bevor er die Massage langsam fortsetzte.
„Die Firma liegt direkt am Jakobsweg. Man läuft eine halbe Stunde an ihren Glaswänden entlang, bevor man die Stadt erreicht.“
„Ja. Ich brauchte Luft.“
„Die Klimaanlagen dort drin sind wohl zu gut eingestellt.“
„Man vergisst die Jahreszeiten.“
Der Pilger lehnte den Stab gegen die Banklehne. „Ich bin seit Wochen draußen. Ich habe die Hitze lieber als die künstliche Kälte.“
„Wie lange noch?“
„Sie meinen bis Santiago? Sieben oder acht Tage. Wenn das Bein mitspielt.“
Sie schwiegen. Der Pilger trank aus seiner Wasserflasche. „Ich kenne ThermoTech“, sagte er dann. „Man sieht die Welt anders, wenn man eine Weile weg ist.“
„Sie arbeiten auch in der Firma?“
„Ja.“ Er schraubte die Flasche zu. „Aber ich habe mir eine längere Auszeit gegönnt, um herauszukommen – vom Lärm der Effizienz.“
Er sah den anderen an. „Und Sie? Sie sehen aus, als hätten Sie die Luft noch nicht gefunden, nach der Sie suchen.“
Der Angestellte legte das restliche Sandwich in die Papiertüte.
„Ich werde die Firma verlassen.“
„Warum?“
„Eine verpasste Frist. Ich war krank – vierzig Grad Fieber, allein in der Wohnung. Das Handy lag auf dem Boden, ich daneben. Ich wusste, dass es der Anruf ist, der alles entscheidet. Und ich konnte den Arm nicht ausstrecken.“ Er lachte kurz auf. „Ein Spezialist für Wärme, der auf dem eigenen Parkett einfriert. Man nennt das Systemfehler. Menschen sind dort nur Biomasse.“
Der Pilger saß völlig reglos.
„Die Wohnung war leer, sagten Sie?“
„Meine Frau hat mich verlassen. Mit unseren Kindern.“
Der Angestellte griff in die Sakkotasche und zog ein Foto heraus – fast reflexhaft. Er hielt es einen Moment in der Hand, dann wollte er es wieder wegstecken.
„Darf ich?“, fragte der Pilger leise.
Er reichte es hinüber.
Der Pilger nahm das Foto mit beiden Händen, die Daumen am unteren Rand. Er betrachtete es lange, ohne den Blick abzuwenden. Dann gab er es wortlos zurück. Seine Hände suchten den Wanderstab.
„Wegen eines anderen“, sagte der Angestellte. „Wesentlich älter, ein hohes Tier in einem Konzern, habe ich gehört. So einer von denen, die sich nehmen, was sie wollen – und immer als Sieger vom Platz gehen.“
Der Pilger stand auf. Er brauchte den Stab, um sein Gewicht zu halten. Seine Bewegungen waren hölzern, fast mechanisch.
„Schon weiter?“
Er antwortete nicht sofort. Er rückte den Rucksack zurecht und sah den Mann an.
„Wissen Sie“, sagte er – und seine Stimme war eher ein Flüstern –, „man sagt, auf diesem Weg leidet zuerst der Körper, dann der Geist. Aber in der dritten Woche öffnet sich die Seele. Und dann wird man plötzlich mit dem konfrontiert, vor dem man sein Leben lang weggelaufen ist.“
Er trat aus dem Schatten hinaus in das Licht. Sein Stab schlug hart auf das Kopfsteinpflaster.
„Wovor sind Sie weggelaufen?“, rief der Angestellte.
Der Pilger blieb stehen und betrachtete den Angestellten durch seine dunkle Brille.
„Vor dem, was du zurücklässt, wenn du siegst. Ich habe nie zurückgeschaut – wohl aus Scham, dem Verlierer in die Augen sehen zu müssen.
Und eines Tages kehrst du zurück und willst nach Hause. Aber das Land, durch
das du gehst, besteht nur noch aus Trümmern, deinen!“
Dann drehte er sich um und ging.
Der Angestellte stand langsam auf, richtete seine Krawatte und machte sich auf den Rückweg.
Der Pilger war zwischen den Häusern verschwunden.
Nur eine Papiertüte mit einem halben Sandwich blieb zurück.
Lugo, Galizien. Eine Parkbank im Schatten einer Platane, direkt vor der Kathedrale. Jenseits des Blätterdachs lag das Mittagslicht hart und unbewegt auf dem Pflaster; die Hitze ließ die fernen Häuserzeilen flimmern wie etwas, das nicht ganz wirklich war.
Ein Mann in einem weißen Hemd, die Krawatte gelockert, aß sein Sandwich. Er kaute langsam, die Augen blickten stur auf den Boden.
Ein Pilger ließ sich am anderen Ende der Bank nieder. Er bewegte sich schwerfällig; der Rucksack knarrte bei jedem Atemzug. Grauer Bart, dunkle Sonnenbrille, ein massiver Wanderstab aus Kastanienholz. Er zog den rechten Stiefel aus und massierte schweigend seinen Fuß.
Nach einer Weile sagte er, ohne aufzusehen:
„Gutes Wetter heute.“
„Zu heiß.“
„Sind Sie von hier?“
„Ich arbeite dort drüben.“ Der Angestellte deutete auf den modernen Glasbau, der hinter den alten Dächern der Unterstadt aufragte. „ThermoTech.“
Der Pilger hielt inne – die Hand noch am nackten Fuß. Er rührte sich nicht, starrte ein paar Sekunde lang auf das Pflaster vor seinen Zehen, bevor er die Massage langsam fortsetzte.
„Die Firma liegt direkt am Jakobsweg. Man läuft eine halbe Stunde an ihren Glaswänden entlang, bevor man die Stadt erreicht.“
„Ja. Ich brauchte Luft.“
„Die Klimaanlagen dort drin sind wohl zu gut eingestellt.“
„Man vergisst die Jahreszeiten.“
Der Pilger lehnte den Stab gegen die Banklehne. „Ich bin seit Wochen draußen. Ich habe die Hitze lieber als die künstliche Kälte.“
„Wie lange noch?“
„Sie meinen bis Santiago? Sieben oder acht Tage. Wenn das Bein mitspielt.“
Sie schwiegen. Der Pilger trank aus seiner Wasserflasche. „Ich kenne ThermoTech“, sagte er dann. „Man sieht die Welt anders, wenn man eine Weile weg ist.“
„Sie arbeiten auch in der Firma?“
„Ja.“ Er schraubte die Flasche zu. „Aber ich habe mir eine längere Auszeit gegönnt, um herauszukommen – vom Lärm der Effizienz.“
Er sah den anderen an. „Und Sie? Sie sehen aus, als hätten Sie die Luft noch nicht gefunden, nach der Sie suchen.“
Der Angestellte legte das restliche Sandwich in die Papiertüte.
„Ich werde die Firma verlassen.“
„Warum?“
„Eine verpasste Frist. Ich war krank – vierzig Grad Fieber, allein in der Wohnung. Das Handy lag auf dem Boden, ich daneben. Ich wusste, dass es der Anruf ist, der alles entscheidet. Und ich konnte den Arm nicht ausstrecken.“ Er lachte kurz auf. „Ein Spezialist für Wärme, der auf dem eigenen Parkett einfriert. Man nennt das Systemfehler. Menschen sind dort nur Biomasse.“
Der Pilger saß völlig reglos.
„Die Wohnung war leer, sagten Sie?“
„Meine Frau hat mich verlassen. Mit unseren Kindern.“
Der Angestellte griff in die Sakkotasche und zog ein Foto heraus – fast reflexhaft. Er hielt es einen Moment in der Hand, dann wollte er es wieder wegstecken.
„Darf ich?“, fragte der Pilger leise.
Er reichte es hinüber.
Der Pilger nahm das Foto mit beiden Händen, die Daumen am unteren Rand. Er betrachtete es lange, ohne den Blick abzuwenden. Dann gab er es wortlos zurück. Seine Hände suchten den Wanderstab.
„Wegen eines anderen“, sagte der Angestellte. „Wesentlich älter, ein hohes Tier in einem Konzern, habe ich gehört. So einer von denen, die sich nehmen, was sie wollen – und immer als Sieger vom Platz gehen.“
Der Pilger stand auf. Er brauchte den Stab, um sein Gewicht zu halten. Seine Bewegungen waren hölzern, fast mechanisch.
„Schon weiter?“
Er antwortete nicht sofort. Er rückte den Rucksack zurecht und sah den Mann an.
„Wissen Sie“, sagte er – und seine Stimme war eher ein Flüstern –, „man sagt, auf diesem Weg leidet zuerst der Körper, dann der Geist. Aber in der dritten Woche öffnet sich die Seele. Und dann wird man plötzlich mit dem konfrontiert, vor dem man sein Leben lang weggelaufen ist.“
Er trat aus dem Schatten hinaus in das Licht. Sein Stab schlug hart auf das Kopfsteinpflaster.
„Wovor sind Sie weggelaufen?“, rief der Angestellte.
Der Pilger blieb stehen und betrachtete den Angestellten durch seine dunkle Brille.
„Vor dem, was du zurücklässt, wenn du siegst. Ich habe nie zurückgeschaut – wohl aus Scham, dem Verlierer in die Augen sehen zu müssen.
Und eines Tages kehrst du zurück und willst nach Hause. Aber das Land, durch
das du gehst, besteht nur noch aus Trümmern, deinen!“
Dann drehte er sich um und ging.
Der Angestellte stand langsam auf, richtete seine Krawatte und machte sich auf den Rückweg.
Der Pilger war zwischen den Häusern verschwunden.
Nur eine Papiertüte mit einem halben Sandwich blieb zurück.
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