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Nur Kommentar Bellum Intimum Sub Silentio

Der/die Autor/in wünscht sich Rückmeldungen zum Inhalt des Textes und möchte keine Textkritik.
  • Wilde Rose
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Ich bin mir meiner selbst nicht mehr bewusst.
Was einst Identität war, ist jetzt ein Aktenzeichen, abgelegt in einem Bunker ohne Licht. Ich habe meine Emotionen über Jahre hinweg entwaffnet, sie an die Wand gestellt, ihnen Nummern statt Namen gegeben. Sie standen stramm, blickten nach vorn, während ich die Logik zum Oberbefehlshaber ernannte. Sie sprach in Tabellen, in Wahrscheinlichkeiten, in kalten Befehlen, die keinen Widerspruch kannten. Unter ihrer Führung herrschte Ordnung. Kein Leben, aber Ordnung.


Ich glaubte, Disziplin sei Frieden.
Ich glaubte, Schweigen sei Stabilität.
Ich glaubte, Kontrolle sei Überleben.


Doch dann kam der Tag, an dem die Lager unter Wasser standen. Kein äußerer Feind, kein fremdes Heer. Der Angriff kam aus den eigenen Reihen. Emotionen, die ich für neutralisiert hielt, brachen aus den Kasematten hervor, aufgequollen, unkenntlich, voller gespeicherter Gewalt. Sie nahmen keine Rücksicht auf alte Befehle. Sie kannten keine Rangabzeichen mehr. Sie walzten alles nieder, was ich mir an Verteidigung aufgebaut hatte.


Ich versuchte zu verhandeln, doch niemand hörte zu.
Ich versuchte zu fliehen, doch der Rückzug war vermint.
Ich blieb stehen und wurde getroffen.


In diesem Chaos traten jene auf, die mir versprachen, Vertrauen neu zu lehren. Sanitäter, so schienen sie, mit sauberen Verbänden und ruhigen Stimmen. Doch unter den Mänteln trugen sie Karten, auf denen mein Inneres bereits eingezeichnet war. Sie sprachen von Heilung, während sie Schwachstellen markierten. Der Verrat war kein Schuss, sondern ein leises Klicken – der Moment, in dem man erkennt, dass die Sicherung bereits entfernt wurde.


Seitdem lebt in mir ein Geräusch.
Eine einzelne Klaviertaste, immer dieselbe, gedrückt von einer unsichtbaren Hand. Sie ist kein Lied, sie ist ein Signal. Jeder Ton zieht sich wie ein Draht um meine Kehle, langsam, präzise, professionell. Kein Blut, keine Spuren. Nur Enge.


Gleichzeitig kriecht rostiger Stacheldraht durch mein Inneres. Nicht außen, nicht sichtbar. Er windet sich um Gedanken, verhakt sich in Erinnerungen, schneidet jede Bewegung in kleine, schmerzhafte Fragmente. Er ist alt, vergessen, zurückgelassen von einem Krieg, der offiziell längst beendet ist. Doch er wirkt noch. Rost ist nur eine andere Form von Geduld.


Ich bin kein Mensch mehr, ich bin ein besetztes Gebiet.
Meine Gedanken patrouillieren gegeneinander. Meine Gefühle funken auf falschen Frequenzen. Jede Entscheidung fühlt sich an wie ein Befehl, der aus Angst erteilt wird. Jede Ruhe ist nur das Schweigen vor dem nächsten Einschlag.


So verharre ich in einem Waffenstillstand ohne Unterschrift.
Die Logik hält noch einzelne Stellungen. Die Emotionen lagern in den Ruinen. Vertrauen ist verbrannte Erde. Und ich selbst stehe dazwischen, ohne Uniform, ohne Namen, mit erhobenen Händen in einem Krieg, der mich nicht freilässt, weil ich sein einziges Schlachtfeld bin.
 
Hallo Askaelon,

hier könnte es sich um ein verdrängtes Trauma handeln, (oder eine seelische Erkrankung) das sich den Weg an die Oberfläche gebahnt hat und einen inneren Krieg auslöst. Von außen nicht sichtbar, aber im Inneren ein katastrophaler Zustand. Beeindruckend beschrieben, finde ich.

Sehr gern gelesen
LG Wilde Rose
 
  • Wilde Rose
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