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Feedback jeder Art Das Lilienkorsett

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  • Lizzy
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Wenn du genau hinhörst, dann kannst du den Wind singen hören. Er flüstert den Namen der Stadt, in der er vor langer Zeit seine Liebe fand. Diesen Namen trägt er stets von Ort zu Ort und wer ihn hört, dem wird das Geschenk einer sehnsuchtsvollen Geschichte zuteil. Es war die Geschichte eines jungen Mädchens, deren sehnlichster Wunsch die Freiheit in unendlichen Weiten war und dem Wind, der ihr selbst in den dunkelsten und hoffnungslosesten Tagen in sanften Böen versprach, dass sie in diesen Weiten tanzen würde. Der Wind sprengte ihre Fesseln und singt noch heute das endlose Lied, damit sein Mädchen tanzen kann. Er flüstert den Namen der Stadt, die ewig sein sollte: Archiva, die Stadt der Lilien. Doch wie kam es dazu, dass Mensch und Natur gemeinsam tanzen? Höre genau hin und du wirst die gefühlvollen Melodien zu versehen lernen.


Die Nacht, in der ein kleines Mädchen in einem großen Schloss geboren wurde, war eine sehr dunkle und stürmische Nacht. Das Mädchen war von einer seltenen und sonderbaren Schönheit gesegnet. Später gab man ihr den Spitznamen Lilienprinzessin, denn im Jahr ihrer Geburt sprossen die Lilien, für die das Königreich Archiva bekannt war, in nie da gewesener prächtiger Blüte. Lira war der größte Schatz der Königin, weshalb sie den anderen Kindern oft nur von ihrem Fenster aus beim Spielen zuschaute. Sie wuchs behütet auf und hatte alles, wovon ein junges Mädchen nur träumen konnte. Nahezu jeder Wunsch wurde erfüllt und dennoch fühlte sie sich unvollständig, denn viele Freunde hatte sie nicht und auch das Schloss war allzu bald vollständig erkundet.

Lira saß oft am Fenster und lauschte dem Rauschen des Windes. Ob in wütenden Böen, in sanften Lüften oder frischen Wehen, der Wind war immer da. Sie stellte sich oft vor, wie er durch die belaubten Kronen der Blätter raschelte und über die riesigen Feldern wehte wie der Komponist einer einzigartigen Melodie. Der Wind war sein eigener Herr und weckte in ihr zunehmend den Wunsch, die Fesseln ihres behüteten Lebens abzustreifen und frei von Verpflichtungen, Zwang und Etikette einfach nur sie selbst sein zu dürfen. Eines Tages schlenderte sie durch die Straßen ihres Königreichs und an ihrer Seite war auch der Wind, der die Dächer der Verkaufsstelle lebendig wirken ließ. Sie hörte hin und meinte sogar, ein Flüstern wahr zu nehmen. Es klang wie ein Ruf, eine zuckersüße Verlockung, eine Melodie von Freiheit. Ihr Klang war so wunderschön und einzigartig, dass ihr der Anblick der schönen Lilienfelder und geblümten Gassen auf einmal wie ein Gefängnis vorkamen. Da erkannte Lira, dass sie in einer Welt lebte, in der sie nicht frei sein konnte, während sie die Fesseln der Schönheit trug, die ihre Tage bestimmte. Die ewigen Stunden des Zurechtmachens, die vielen fähigen Hände an ihrem Körper, die sie in die verschiedensten Kostüme steckten und die Blicke des Volkes, das immer nur mehr erwarteten, lasteten schwer auf ihr. Fortan dachte sie oft darüber nach, wie Schönheit so hässlich sein konnte und warum gerade sie das Scheinbild eines vollkommenen Ideals verkörpern sollte. Der Wind war immer an ihrer Seite und mit ihm wollte sie rennen, schreien und tanzen. Egal wo Lira hinschaute, sie fühlte sich gefangen, denn die Felder mit diesen herrlichen Lilien waren es, die sie verspotteten. Während die Blüten in ihrer vollendeten Pracht im Wind wiegten, fühlten sich die Schnüre ihres Korsetts an, als würden sie ihr die Luft zum Atmen nehmen.

Es war eine ruhige finstere Nacht, als Lira den Mut fand, aus dem Schloss zu fliehen. Sie war entschlossen, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und dennoch blickte sie zurück zu den Fenstern ihres Gemachs. Sie lief und lief und ließ mit jedem zurückgelegten Meter einen Teil ihrer Geschichte zurück. Dabei zertrat sie nicht wenige der prächtigen Lilien, doch es erfüllte sie mit Genugtuung, dem beißenden Spott der Blüten ein Ende zu setzen. Nach einer gefühlten Ewigkeit schloss sich ihr der Wind an. Er wehte stark und ein Sturm zog auf, was sie verwirrte. War er es nicht, der sie ermutigte der Freiheit zu folgen oder war dies eine Prüfung? Sie musste durch den Sturm gehen, doch sie wusste auch, dass dieser sofort verfliegen würde, gäbe sie auf und kehrte ins Schloss zurück. Es gab einfach kein zurück mehr.

Da stand sie nun auf einer verlassenen Lichtung und fragte sich, ob dies wirklich die Freiheit war, die sie wollte, denn es war weit und breit niemand zu sehen oder zu hören. Es schien, als hätte sogar der Wald den Atem angehalten. Der Wind jedoch ließ ihre Zweifel verstummen, indem er ihr mit einer leichten Brise einige Strähnen ums Gesicht blies wie um sie zu necken. Sie drehte sich weg, doch schon umfing sie die nächste Böe und schien sie zu halten. Es schien wie eine stille Aufforderung zum Tanze und es war genau das, was die Prinzessin tat. In dieser finsteren Nacht begann Lira auf einer geheimnisvollen Lichtung zu tanzen. Der Wind schien sie zu halten, sie durch ... Schritte zu führen, denn sie drehte sich und wirbelte unaufhörlich herum. Sie tanzte zu einer Musik, die nur ihr und dem Wind gehörte und fühlte sich dabei zum ersten Mal von den lästigen Fesseln befreit, da sie sie selbst sein konnte. Es war ein berauschendes Gefühl. Der Wind wirbelte sie noch lange Zeit um die Lichtung und Lira wurde klar, dass sie ihre Freiheit gefunden hatte. Sie liebte den Wind und der Wind liebte sie, denn er war es, der sie hinter ihrer Schönheit sah. Er war seit ihrer Geburt an ihrer Seite und war immer da, wenn sie vor Verzweiflung und Traurigkeit keinen Ausweg mehr wusste. In dieser Nacht beschloss die Lilienprinzessin dem Wind zu folgen und dort zu sein, wo auch er ist, frei.

Der Wind und das Mädchen tanzten noch viele Jahre zu der Melodie, die nur ihnen gehörte, Sie lebten ein langes Leben und als Lira starb, da nahm er ihre Asche und verteilte sie auf der ganzen Welt, damit seine Liebste auch in der Ewigkeit frei war. Sie hätte es so gewollt, überall und nirgendwo zu sein. Sein Mädchen war überall in den Blättern, den Bergen, den Flüssen und Meeren, den Dörfern und Städten und den Wolken. Der Wind reiste weiter, doch er vergaß seine Liebe niemals, denn überall wo er sie spürt, da flüstert er den Namen der Stadt, in der er die Liebe fand. Er singt noch heute ihr Lied. Das Lied vom Mädchen und dem Wind.
 
Hallo maylodie,
was für eine zauberhafte Geschichte! Die Liebe zwischen dem Wind und der Prinzessin, die durch ihn ihre Freiheit fand, hast Du in schönen Worten und Vergleichen erzählt und mich mitgenommen in das Reich der Phantasie! Sehr gelungen!

Liebe Grüße, Lizzy
 
  • Lizzy
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