Der Wehrmann 2 von 3
Manchmal bleibt einem der Gefechtsdienst trotz Schreibstubendienst nicht erspart. Das bedeutet, hinaus in die Kälte. Es ist der dreißigste November neunzehnhundertdreiundsiebzig. Raureif hat das Gras weiß eingesponnen. Es ist kalt. Als Kind kriegt man einen warmen Schal umgebunden.
Es gibt einen dicken Vizeleutnant, Hornig, der ist für das Leben im Felde zuständig. Die Uniformen haben allesamt goldene Knöpfe, fein ziseliert. Auch die der Rekruten. Und es gibt viele dran. Unsichtbar machen, kommandiert Hornig. Das heißt, die Knöpfe mit Erde beschmieren, damit sich nicht mehr glänzen und blinken und dem Feind verraten, wo man sich befindet. Hinterher kriegt man die nie mehr sauber, auch nicht mit einer Bürste. In den feinen Vertiefungen der Strukturen hält sich der Dreck besonders gut. Das kann den Urlaubsschein kosten, wenn die Uniform schmutzig ist.
Hornig befiehlt Liegestützen, wenn man etwas falsch gemacht hat oder seine Waffe nicht mehr richtig zusammenbauen kann. Dann schreit er, machen Sie zwanzig Liegestütze. Und während man Liegestütze macht, schreit er, und ficken Sie nicht das Mauseloch. Man darf aber nicht lachen, sonst muss man zehn mehr machen. Hornig erklärt auch den Schuhputz und belehrt einen, dass Schuhe ausschließlich dazu da sind, um geputzt zu werden.
Zwischen den einzelnen Tagesbefehlen liegen immer wieder Wartezeiten. Warten gehört dazu. Im Felde spielt man Ernstfall. Plastikwunden, sogenannte Mullagen werden umgebunden und die scheinbar Verletzten im Gelände liegend verteilt. Schockgesicht, offener Beinbruch, Darmaustritt. Die Verletzten müssen um Hilfe rufen. Alle lachen dabei. Man muss die Verwundeten aufspüren und erstversorgen. Dann kommt der Bergepanzer, rollt über Sanitäter und Verletzten drüber, wobei der Verletzte von der Sanitätsmannschaft durch ein enges Loch ins Innere des Panzers gezogen wird. Es ist ratsam, sich recht schlank zu machen, um nicht unter die Ketten des Fahrzeugs zu kommen.
Manche haben schon irgendwie Angst, wenn das Riesending so ratternd und fauchend und donnernd über einen drüberfährt. Man übt auch das Laufen und gebückte Laufen in Deckung mit Verwundeten durch Tragbahren. Einmal kriegt man einen besonders dicken draufgelegt. Sprung, vorwärts, decken, mit dem Fettwanst drauf! Aber der wird schon nach kurzer Zeit wieder abgeworfen, wenn es der Ausbildner nicht sieht, indem man die Bahre flugs umdreht. Da ist er auch schon unten. Und der Dicke tut gut daran, bis zum Sammelplatz gefälligst zu Fuß zu gehen, wenn er mit der Tragemannschaft nach Dienstschluss keine Probleme haben will.
Biwakieren ist eine eisige Angelegenheit mit einem Zeltblatt, aus dem die Beine ragen und einer einzigen Wolldecke, die obendrein noch unangenehm riecht. Die Bohnen in der Dose wollen über dem Spirituswürfel nicht so richtig warm werden, also isst man sie kalt. Das hat Folgen und man macht die ganze Nacht kein Auge zu wegen der Blähungen, auch der Schreiber der Kompanie nicht, denn einen Gefechtsdienst muss auch dieser mitgemacht haben.
Am Abend wird in den Zimmern Karten gespielt und getrunken. Unter dem Stockbett wachen jeden Morgen unterschiedliche Kameraden auf. Unter ihnen ist auch einer, der später ein bekannter Kabarettist werden sollte. Er ist Kroate und mächtig stolz drauf. Und der auch nach dem Heer sehr human wurde. Aber zu dieser Zeit ist er noch nicht besonders human, denn er stößt, betrunken, wie immer, einen Rekruten mit deutschem Akzent mit seinem Stiefel vor die Brust über die Treppen der Kleiderkammer, weil ihm nicht gefällt, wie er spricht und sagt dabei, Spatzi, wos wüst? Wenn er unter dem Bett hervorkriecht, nachdem Tagwache gerufen worden war, ist er zur Gänze voller Lurch. Das erspart das Aufkehren an dieser Stelle des Zimmers. Er zündet sich sofort eine Gauloise an und sagt dann: Spatzi, gibt mir einen Schluck von der Flasche dort. Auf dem Tisch steht ein Doppelliter Wein vom Vorabend, den die Zimmerkollegen nicht ganz ausgetrunken haben.
Überhaupt setzt sich das Wort Spatzi innerhalb der Truppe in dieser Zeit stark durch. Vom kleinen Tischchen des diensthabenden Korporals vom Tag, draußen am Flur, dringt laut „Satisfaction“ bis in die Zimmer, bis der Spieß kommt und fragt, ob man deppert ist oder derisch. Das Radio wird abgedreht. Unter denen, die öfters unter fremden Betten aufwachen, ist auch ein Kandidat der Medizin. Er ist jeden Tag stockbetrunken. Er sagt auch Spatzi zu jedem und ist ein Freund des Kabarettisten. Er steht mit allen Ausbildnern und Unteroffizieren auf gutem Fuß und trinkt mit ihnen. Er darf auch den Kurs für die Instrumentenkunde leiten, selbstverständlich betrunken, für das chirurgische Besteck und so. Nichts deutet darauf hin, dass er kein Antimilitarist ist. Als „Beinahe-Arzt“ haben sie ordentlich Respekt vor ihm, und nicht nur, weil er so viel Alkohol verträgt. Jahre später wird er Kompaniekommandant in derselben Kaserne und Primararzt.
Manchmal bleibt einem der Gefechtsdienst trotz Schreibstubendienst nicht erspart. Das bedeutet, hinaus in die Kälte. Es ist der dreißigste November neunzehnhundertdreiundsiebzig. Raureif hat das Gras weiß eingesponnen. Es ist kalt. Als Kind kriegt man einen warmen Schal umgebunden.
Es gibt einen dicken Vizeleutnant, Hornig, der ist für das Leben im Felde zuständig. Die Uniformen haben allesamt goldene Knöpfe, fein ziseliert. Auch die der Rekruten. Und es gibt viele dran. Unsichtbar machen, kommandiert Hornig. Das heißt, die Knöpfe mit Erde beschmieren, damit sich nicht mehr glänzen und blinken und dem Feind verraten, wo man sich befindet. Hinterher kriegt man die nie mehr sauber, auch nicht mit einer Bürste. In den feinen Vertiefungen der Strukturen hält sich der Dreck besonders gut. Das kann den Urlaubsschein kosten, wenn die Uniform schmutzig ist.
Hornig befiehlt Liegestützen, wenn man etwas falsch gemacht hat oder seine Waffe nicht mehr richtig zusammenbauen kann. Dann schreit er, machen Sie zwanzig Liegestütze. Und während man Liegestütze macht, schreit er, und ficken Sie nicht das Mauseloch. Man darf aber nicht lachen, sonst muss man zehn mehr machen. Hornig erklärt auch den Schuhputz und belehrt einen, dass Schuhe ausschließlich dazu da sind, um geputzt zu werden.
Zwischen den einzelnen Tagesbefehlen liegen immer wieder Wartezeiten. Warten gehört dazu. Im Felde spielt man Ernstfall. Plastikwunden, sogenannte Mullagen werden umgebunden und die scheinbar Verletzten im Gelände liegend verteilt. Schockgesicht, offener Beinbruch, Darmaustritt. Die Verletzten müssen um Hilfe rufen. Alle lachen dabei. Man muss die Verwundeten aufspüren und erstversorgen. Dann kommt der Bergepanzer, rollt über Sanitäter und Verletzten drüber, wobei der Verletzte von der Sanitätsmannschaft durch ein enges Loch ins Innere des Panzers gezogen wird. Es ist ratsam, sich recht schlank zu machen, um nicht unter die Ketten des Fahrzeugs zu kommen.
Manche haben schon irgendwie Angst, wenn das Riesending so ratternd und fauchend und donnernd über einen drüberfährt. Man übt auch das Laufen und gebückte Laufen in Deckung mit Verwundeten durch Tragbahren. Einmal kriegt man einen besonders dicken draufgelegt. Sprung, vorwärts, decken, mit dem Fettwanst drauf! Aber der wird schon nach kurzer Zeit wieder abgeworfen, wenn es der Ausbildner nicht sieht, indem man die Bahre flugs umdreht. Da ist er auch schon unten. Und der Dicke tut gut daran, bis zum Sammelplatz gefälligst zu Fuß zu gehen, wenn er mit der Tragemannschaft nach Dienstschluss keine Probleme haben will.
Biwakieren ist eine eisige Angelegenheit mit einem Zeltblatt, aus dem die Beine ragen und einer einzigen Wolldecke, die obendrein noch unangenehm riecht. Die Bohnen in der Dose wollen über dem Spirituswürfel nicht so richtig warm werden, also isst man sie kalt. Das hat Folgen und man macht die ganze Nacht kein Auge zu wegen der Blähungen, auch der Schreiber der Kompanie nicht, denn einen Gefechtsdienst muss auch dieser mitgemacht haben.
Am Abend wird in den Zimmern Karten gespielt und getrunken. Unter dem Stockbett wachen jeden Morgen unterschiedliche Kameraden auf. Unter ihnen ist auch einer, der später ein bekannter Kabarettist werden sollte. Er ist Kroate und mächtig stolz drauf. Und der auch nach dem Heer sehr human wurde. Aber zu dieser Zeit ist er noch nicht besonders human, denn er stößt, betrunken, wie immer, einen Rekruten mit deutschem Akzent mit seinem Stiefel vor die Brust über die Treppen der Kleiderkammer, weil ihm nicht gefällt, wie er spricht und sagt dabei, Spatzi, wos wüst? Wenn er unter dem Bett hervorkriecht, nachdem Tagwache gerufen worden war, ist er zur Gänze voller Lurch. Das erspart das Aufkehren an dieser Stelle des Zimmers. Er zündet sich sofort eine Gauloise an und sagt dann: Spatzi, gibt mir einen Schluck von der Flasche dort. Auf dem Tisch steht ein Doppelliter Wein vom Vorabend, den die Zimmerkollegen nicht ganz ausgetrunken haben.
Überhaupt setzt sich das Wort Spatzi innerhalb der Truppe in dieser Zeit stark durch. Vom kleinen Tischchen des diensthabenden Korporals vom Tag, draußen am Flur, dringt laut „Satisfaction“ bis in die Zimmer, bis der Spieß kommt und fragt, ob man deppert ist oder derisch. Das Radio wird abgedreht. Unter denen, die öfters unter fremden Betten aufwachen, ist auch ein Kandidat der Medizin. Er ist jeden Tag stockbetrunken. Er sagt auch Spatzi zu jedem und ist ein Freund des Kabarettisten. Er steht mit allen Ausbildnern und Unteroffizieren auf gutem Fuß und trinkt mit ihnen. Er darf auch den Kurs für die Instrumentenkunde leiten, selbstverständlich betrunken, für das chirurgische Besteck und so. Nichts deutet darauf hin, dass er kein Antimilitarist ist. Als „Beinahe-Arzt“ haben sie ordentlich Respekt vor ihm, und nicht nur, weil er so viel Alkohol verträgt. Jahre später wird er Kompaniekommandant in derselben Kaserne und Primararzt.