Der Wehrmann 3 von 3
Acht Wochen sind vergangen. Schließlich hat man auch die Prüfung zum Sanitätsgehilfen bestanden und damit die Ausbildung beendet. Alle anderen werden verschiedenen Kasernen als Sanitäter zugewiesen. Selbst ist man dem Ministerium zugeteilt worden und muss per Straßenbahn, mit Rucksack, Stahlhelm und Sturmgewehr den Standort wechseln. Mittlerweile ist es Winter und bitterkalt draußen. Der Mantel ist zu lange, die Schultern zu breit, der Rucksack zu schwer. Da reißt ein Riemen und der Stahlhelm kollert durch das Innere der Straßenbahn. Ein Bild, erbarmungswürdig. Die Leute in der Straßenbahn lächeln. Weihnachten ist man nur für drei Tage bei der Familie. Es ist besser so, damit die alten Wunden nicht wieder aufbrechen. Es gibt nicht viel zu erzählen. Wie es eben so ist, hält man sich bedeckt. Es kann einem ja doch niemand helfen. Da muss man durch. Man hätte es ja so gewollt, also was soll´s?
Nun wohnt man in einer Blechbaracke einer Kaserne in der Stadt. Keine Isolierung. Das Fenster ist außen ebenso vereist wie innen. Der Boden asphaltiert. Man hat ständig kalte Füße und Schnupfen. Luftschutztruppenschule heißt es dort. Der Rekrut am Telefon meldet sich mit Lustschutztruppenschule und lächelt dabei vielsagend. Versteht sowie keiner. Am Tage der Umsiedelung wird in der neuen Kaserne soeben der alte Kommandant verabschiedet. Es hat gefroren in der Nacht. Die beiden Offiziere stehen sich gegenüber, der alte und der neue. Sie gehen im Stechschritt aufeinander zu. Da gerät der Alte auf eine Eisplatte, als er jäh zu stehen kommt, rutscht er darauf aus und fällt in Slapstickmanier auf den Hintern. Das Gelächter von vier Kompanien erschallt über den Kasernenhof. Ruuuuhäääää!, brüllt ein Offizier. Allleeee Urlaubsscheine sind ab sofort gestricheeen! Scheiße! Das ist also der erste Tag hier.
In der Blechbaracke ist eine kleine Kompanie untergebracht, bestehend aus Akademikern im vorderen Teil und Kraftfahrern im rückwärtigen. Warum man hier sei, als Schüler noch dazu, man hat doch einen Onkel irgendwo, man könne es ruhig sagen? Also ausschließlich was für Privilegierte. Wieder Glück gehabt. Und man hat keinen Onkel. Man hat niemanden. Vielleicht Vater und Mutter, weit weg. Der Kompaniekommandant ist ein Oberstleutnant und er hasst Männer, weil sie hässlich seien, sagt er, im Gegensatz zu den Frauen, sagt er. Sein unmittelbarer Unteroffizier, Wedlhammer, ist ein selbstbewusster Mann, der seinem Vorgesetzten immer gerne widerspricht und die Jungmänner vor ihm in Schutz nimmt. Der Oberstleutnant wurde im Weltkrieg wegen besonderer Eignung zum Offizier ernannt. Das kennt man schon. Und seine Haut im Gesicht ist tiefrot und er hat einen Goldzahn vorne.
Der Dienst im Ministerium ist leicht. Es wird erwartet, dass man ein paar Formulare ausfüllt, Krankmeldungen erkrankter Rekruten ordnet, hin und wieder eine Kopfwehtablette in ein Zimmer bringt und manchmal in die Kopierstelle nach unten fährt, um etwas abzuholen oder kopieren zu lassen. Es gibt einen Lift, einen Paternoster, in den man auf allen Ebenen ein- und aussteigen kann, während sich das Ding ohne stehenzubleiben auf der einen Seite hinauf- und der anderen Seite hinunterbewegt. Das ist sehr unterhaltsam.
Man liebt diese Wege, bei denen man ihn benutzen kann. Einmal vergisst man, rechtzeitig im Obergeschoß auszusteigen und kriegt Angst, weil es unters Dach geht, wo die Seile und Rollen sind und alles knarrt und knattert. Aber es passiert nichts und man kommt nach der Umrundung wohlbehalten wieder unterhalb an. Im Zimmer sitzen ein Amtsrat, Herr Asteck und ein C–Beamter für die Schreibdienste, Herr Weber. Herr Asteck und Herr Weber mögen einander nicht. Asteck deckt Weber immer auf, weil er trinkt und viele Rechtschreibfehler in seinen Schreibarbeiten hat und so viel Unsinn redet. Weber mag Asteck nicht, weil der immer alles weiß und ihn immer wegen seiner Fehler überführt, auch wenn er sie geschickt zu überspielen versucht.
Weber geht viertelstündlich auf die Toilette. Asteck verrät, Weber hätte einen Doppler in der Klospüle, aus dem er immer trinkt. Und Weber hat eine blauviolette zerfurchte riesige Nase. Das kommt vom Saufen, sagt Asteck. Oft ist nichts zu tun. Asteck steckt sich eine Flirt an, legt die Ellenbogen auf seinen Schreibtisch und beginnt dann immer, Weber zu verhören. Na, Herr Weber, waren wir wieder beim Heurigen am Wochenende? Selbstverständlich, Herr Asteck, sagt Weber dann. Was haben Sie denn gegessen, fragt Asteck und Weber sagt, eine Stelze, wie immer, Herr Asteck. Und dazu haben Sie eine Flasche Wein getrunken, richtig?, bohrt Asteck. Selbstverständlich, sogar zwei, sagt Weber dann stolz. Seh´n Sie, wendet sich Asteck dann an den Rekruten, wie gut es dem geht, und lacht.
Nächstes Jahr fahren wir in die Cämpän, sagt Weber. Wohin?, lacht Weber und sagt, das heißt doch Campagne, nicht wahr, zum Rekruten. Man sagt besser nichts dazu. Dann entfacht sich ein Streit zwischen Asteck und Weber wegen der Aussprache der Cämpän. Kurze Zeit später fährt Weber mit dem Paternoster hinunter in den dritten Stock, wo die Kantine ist. Er geht an die Bar, hebt den Zeigefinger, kriegt automatisch ein Viertel Rot, und während er eine Zigarette raucht, trinkt er das Glas mit drei Schlucken aus. Hernach begibt er sich wieder in die Kanzlei nach oben. Ist dann wieder nichts zu tun, sieht Astecker Weber längere Zeit spöttisch an und fragt: Na, Weberin, was gibt´s Neues? Dann wird Herr Weber wild und sagt: Sagen Sie nicht Weberin zu mir, wenn ich bitten darf, nicht vor dem jungen Mann da.
Im übernächsten Zimmer sitzt ein Oberstarzt mit einem Glasauge. Er raucht ununterbrochen. Wenn man in sein Zimmer gerufen wird, sieht man ihn oft nicht wegen des Rauchs. Er bietet einem einen Platz an und erzählt von seiner Jugend und vom Krieg, und dass er in einem Straflager mit Sträflingen in einem Steinbruch war, in dem er vor Schwäche beinahe gestorben wäre. Nur einer der Sträflinge hat ihn über die Runden gebracht, sonst säße er heute nicht hier. Einmal wird man wieder in sein Zimmer gerufen, um ihm einen Krankenakt eines Rekruten zu bringen. Machen Sie sich nichts draus, sagt der Oberst und bläst den Rauch seiner Zigarette vor sich her, ich hab‘ einen fahren lassen.
Im anderen Nebenzimmer sitzt der General-Arzt, Astecks und Webers unmittelbarer Vorgesetzter. Er ist jüngst zum Heeressanitätschef ernannt worden. Asteck hat ihn sofort nach Bekanntwerden der neuen Beförderung mit dem neuen Titel angesprochen. Der aber hat abgewehrt und gesagt, er mache sich da nichts daraus. Sekunden später läutet das Telefon beim General. Er hebt ab und schreit in den Hörer, Heeressanitätschef Generalarzt Doktor Britt.
Gegen siebzehn Uhr ist der Dienst beendet und man fährt mit der Bim wieder in die Kaserne. Dort gibt es die abendliche Standeskontrolle, und danach hat man Ausgang. Die Kraftfahrer machen immer wieder allerlei Unsinn, zerschlagen betrunken Sessel und Tische oder bleiben die Nacht über weg. Der Oberstleutnant will dafür alle bestrafen, auch die Rekruten aus der Akademikertruppe und kündigt für Freitagabend eine Nachtübung für alle an. Aber wirklich nicht, widerspricht ihm Wedlhammer, da kennan S‘ allanich hingehn! Die Truppe lacht. Der Oberstleutnant wird rot, flucht und nimmt Wedlhammer beiseite. Aber wenn der nicht will, geht gar nichts. Also belässt man es bei einer Bestrafung der tatsächlichen Übeltäter, womit schlussendlich der Gerechtigkeit Genüge getan wird.
Und dann ist es endlich März geworden und mit diesem Monat ist man Abrüster. Aaaaabrüsten hört man schon am frühen Morgen durch die Gänge der Baracke hallen und auf dem Flur hört man Tina Turner aus dem Kasettenrecorder mit Natbush City Limits und I´m free von den Who, und man schmiedet Pläne, was denn nach dem Militärdienst jetzt nun eigentlich werden soll.
Acht Wochen sind vergangen. Schließlich hat man auch die Prüfung zum Sanitätsgehilfen bestanden und damit die Ausbildung beendet. Alle anderen werden verschiedenen Kasernen als Sanitäter zugewiesen. Selbst ist man dem Ministerium zugeteilt worden und muss per Straßenbahn, mit Rucksack, Stahlhelm und Sturmgewehr den Standort wechseln. Mittlerweile ist es Winter und bitterkalt draußen. Der Mantel ist zu lange, die Schultern zu breit, der Rucksack zu schwer. Da reißt ein Riemen und der Stahlhelm kollert durch das Innere der Straßenbahn. Ein Bild, erbarmungswürdig. Die Leute in der Straßenbahn lächeln. Weihnachten ist man nur für drei Tage bei der Familie. Es ist besser so, damit die alten Wunden nicht wieder aufbrechen. Es gibt nicht viel zu erzählen. Wie es eben so ist, hält man sich bedeckt. Es kann einem ja doch niemand helfen. Da muss man durch. Man hätte es ja so gewollt, also was soll´s?
Nun wohnt man in einer Blechbaracke einer Kaserne in der Stadt. Keine Isolierung. Das Fenster ist außen ebenso vereist wie innen. Der Boden asphaltiert. Man hat ständig kalte Füße und Schnupfen. Luftschutztruppenschule heißt es dort. Der Rekrut am Telefon meldet sich mit Lustschutztruppenschule und lächelt dabei vielsagend. Versteht sowie keiner. Am Tage der Umsiedelung wird in der neuen Kaserne soeben der alte Kommandant verabschiedet. Es hat gefroren in der Nacht. Die beiden Offiziere stehen sich gegenüber, der alte und der neue. Sie gehen im Stechschritt aufeinander zu. Da gerät der Alte auf eine Eisplatte, als er jäh zu stehen kommt, rutscht er darauf aus und fällt in Slapstickmanier auf den Hintern. Das Gelächter von vier Kompanien erschallt über den Kasernenhof. Ruuuuhäääää!, brüllt ein Offizier. Allleeee Urlaubsscheine sind ab sofort gestricheeen! Scheiße! Das ist also der erste Tag hier.
In der Blechbaracke ist eine kleine Kompanie untergebracht, bestehend aus Akademikern im vorderen Teil und Kraftfahrern im rückwärtigen. Warum man hier sei, als Schüler noch dazu, man hat doch einen Onkel irgendwo, man könne es ruhig sagen? Also ausschließlich was für Privilegierte. Wieder Glück gehabt. Und man hat keinen Onkel. Man hat niemanden. Vielleicht Vater und Mutter, weit weg. Der Kompaniekommandant ist ein Oberstleutnant und er hasst Männer, weil sie hässlich seien, sagt er, im Gegensatz zu den Frauen, sagt er. Sein unmittelbarer Unteroffizier, Wedlhammer, ist ein selbstbewusster Mann, der seinem Vorgesetzten immer gerne widerspricht und die Jungmänner vor ihm in Schutz nimmt. Der Oberstleutnant wurde im Weltkrieg wegen besonderer Eignung zum Offizier ernannt. Das kennt man schon. Und seine Haut im Gesicht ist tiefrot und er hat einen Goldzahn vorne.
Der Dienst im Ministerium ist leicht. Es wird erwartet, dass man ein paar Formulare ausfüllt, Krankmeldungen erkrankter Rekruten ordnet, hin und wieder eine Kopfwehtablette in ein Zimmer bringt und manchmal in die Kopierstelle nach unten fährt, um etwas abzuholen oder kopieren zu lassen. Es gibt einen Lift, einen Paternoster, in den man auf allen Ebenen ein- und aussteigen kann, während sich das Ding ohne stehenzubleiben auf der einen Seite hinauf- und der anderen Seite hinunterbewegt. Das ist sehr unterhaltsam.
Man liebt diese Wege, bei denen man ihn benutzen kann. Einmal vergisst man, rechtzeitig im Obergeschoß auszusteigen und kriegt Angst, weil es unters Dach geht, wo die Seile und Rollen sind und alles knarrt und knattert. Aber es passiert nichts und man kommt nach der Umrundung wohlbehalten wieder unterhalb an. Im Zimmer sitzen ein Amtsrat, Herr Asteck und ein C–Beamter für die Schreibdienste, Herr Weber. Herr Asteck und Herr Weber mögen einander nicht. Asteck deckt Weber immer auf, weil er trinkt und viele Rechtschreibfehler in seinen Schreibarbeiten hat und so viel Unsinn redet. Weber mag Asteck nicht, weil der immer alles weiß und ihn immer wegen seiner Fehler überführt, auch wenn er sie geschickt zu überspielen versucht.
Weber geht viertelstündlich auf die Toilette. Asteck verrät, Weber hätte einen Doppler in der Klospüle, aus dem er immer trinkt. Und Weber hat eine blauviolette zerfurchte riesige Nase. Das kommt vom Saufen, sagt Asteck. Oft ist nichts zu tun. Asteck steckt sich eine Flirt an, legt die Ellenbogen auf seinen Schreibtisch und beginnt dann immer, Weber zu verhören. Na, Herr Weber, waren wir wieder beim Heurigen am Wochenende? Selbstverständlich, Herr Asteck, sagt Weber dann. Was haben Sie denn gegessen, fragt Asteck und Weber sagt, eine Stelze, wie immer, Herr Asteck. Und dazu haben Sie eine Flasche Wein getrunken, richtig?, bohrt Asteck. Selbstverständlich, sogar zwei, sagt Weber dann stolz. Seh´n Sie, wendet sich Asteck dann an den Rekruten, wie gut es dem geht, und lacht.
Nächstes Jahr fahren wir in die Cämpän, sagt Weber. Wohin?, lacht Weber und sagt, das heißt doch Campagne, nicht wahr, zum Rekruten. Man sagt besser nichts dazu. Dann entfacht sich ein Streit zwischen Asteck und Weber wegen der Aussprache der Cämpän. Kurze Zeit später fährt Weber mit dem Paternoster hinunter in den dritten Stock, wo die Kantine ist. Er geht an die Bar, hebt den Zeigefinger, kriegt automatisch ein Viertel Rot, und während er eine Zigarette raucht, trinkt er das Glas mit drei Schlucken aus. Hernach begibt er sich wieder in die Kanzlei nach oben. Ist dann wieder nichts zu tun, sieht Astecker Weber längere Zeit spöttisch an und fragt: Na, Weberin, was gibt´s Neues? Dann wird Herr Weber wild und sagt: Sagen Sie nicht Weberin zu mir, wenn ich bitten darf, nicht vor dem jungen Mann da.
Im übernächsten Zimmer sitzt ein Oberstarzt mit einem Glasauge. Er raucht ununterbrochen. Wenn man in sein Zimmer gerufen wird, sieht man ihn oft nicht wegen des Rauchs. Er bietet einem einen Platz an und erzählt von seiner Jugend und vom Krieg, und dass er in einem Straflager mit Sträflingen in einem Steinbruch war, in dem er vor Schwäche beinahe gestorben wäre. Nur einer der Sträflinge hat ihn über die Runden gebracht, sonst säße er heute nicht hier. Einmal wird man wieder in sein Zimmer gerufen, um ihm einen Krankenakt eines Rekruten zu bringen. Machen Sie sich nichts draus, sagt der Oberst und bläst den Rauch seiner Zigarette vor sich her, ich hab‘ einen fahren lassen.
Im anderen Nebenzimmer sitzt der General-Arzt, Astecks und Webers unmittelbarer Vorgesetzter. Er ist jüngst zum Heeressanitätschef ernannt worden. Asteck hat ihn sofort nach Bekanntwerden der neuen Beförderung mit dem neuen Titel angesprochen. Der aber hat abgewehrt und gesagt, er mache sich da nichts daraus. Sekunden später läutet das Telefon beim General. Er hebt ab und schreit in den Hörer, Heeressanitätschef Generalarzt Doktor Britt.
Gegen siebzehn Uhr ist der Dienst beendet und man fährt mit der Bim wieder in die Kaserne. Dort gibt es die abendliche Standeskontrolle, und danach hat man Ausgang. Die Kraftfahrer machen immer wieder allerlei Unsinn, zerschlagen betrunken Sessel und Tische oder bleiben die Nacht über weg. Der Oberstleutnant will dafür alle bestrafen, auch die Rekruten aus der Akademikertruppe und kündigt für Freitagabend eine Nachtübung für alle an. Aber wirklich nicht, widerspricht ihm Wedlhammer, da kennan S‘ allanich hingehn! Die Truppe lacht. Der Oberstleutnant wird rot, flucht und nimmt Wedlhammer beiseite. Aber wenn der nicht will, geht gar nichts. Also belässt man es bei einer Bestrafung der tatsächlichen Übeltäter, womit schlussendlich der Gerechtigkeit Genüge getan wird.
Und dann ist es endlich März geworden und mit diesem Monat ist man Abrüster. Aaaaabrüsten hört man schon am frühen Morgen durch die Gänge der Baracke hallen und auf dem Flur hört man Tina Turner aus dem Kasettenrecorder mit Natbush City Limits und I´m free von den Who, und man schmiedet Pläne, was denn nach dem Militärdienst jetzt nun eigentlich werden soll.