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Feedback jeder Art Körper sind Küsten

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Für mich war es genug,
zu leben, allein für die Hoffnung,
dass Schaum nicht nur schäumt,
sondern formt,
und Form mich nicht frisst.

Die Küste war Kruste aus Salz und aus Zeit,
ein Saum aus Gestrüpp und aus salziger Gezeit.
Ich wohnte im Wind, im würzigen Riss
von Rosmarinranken und rissigem Stein,
im Schweigen der Ziegen, im Zikadenschein.

Die Insel, ein Teller aus Tuff und aus Ton,
vom Meer millionenmal mager umlohn’.
Kein Markt.
Kein Maß.
Nur Mohn in den Fugen.
Nur Wurzeln, die wussten, wie Wunden sich fügen.

Ich sammelte Stängel.
Ich stampfte sie sacht.
Im Mörser: Mondmilch aus Mohn, Minze, mit Macht.
Ich kochte mit Knochen aus Knochenidee,
mit Beeren, die bitter wie Blicke im Schnee.
Was ich rührte, war Ruhe.
Was ich briet, war Bericht.
Blatt wurde Blut.
Und Blut wurde Licht.

Die Tiere im Dickicht wichen nicht.
Ein Keiler, schwarz und narbig,
stand.
Ich legte die Hand auf sein Haupt.
Sein Atem – Erde.
Sein Auge – Laub.

Ich wusste: Körper sind Küsten.
Man landet, man nimmt.
Man nennt es Gewinn.
Und vergisst, was da schwimmt.

Eines Abends, die Brandung bronzen und breit,
schnitt ein Schiff durch die schuppige Zeit.
Ruder wie Rippen, im Rhythmus aus Teer und Trieb.
Männer an Deck, Messer im Mund,
Muskeln aus Mangel, Blicke vom dunklen Grund.

Sie rochen nach Rost, nach Rum und nach Recht,
nach Hunger, der höflich nur selten gerecht.
Sie traten an Land wie an Tische aus Teig,
die Hände noch klebrig vom letzten Gefecht.

„Gast“, sagten sie –
die Hände schon offen.
„Bitte“, sagten sie –
die Blicke berechnend.
Ich nickte, nannte sie Namen aus Nacht
und reichte den Becher mit Beere und Macht.

Sie tranken.
Sie dankten.
Sie lachten zu laut.
Der Wein war ein Wehen, schwer und vertraut.
Ein Schwanken begann, ein Sinken ins Stroh,
in Schwarten und Atem, in dumpfes Woher.
Die Haut wurde Haar.
Der Handschlag ein Huf.
Das Wort fiel tiefer und wurde zum Ruf.
Sie wühlten im Stroh, im Stall ihrer Gier,
der Ruhm war nur Rüssel, das Brüllen nur Tier.

Ich sah sie nicht an wie Richterin streng.
Ich sah nur die Form, die sie selber sich dräng’.
Was innen schon fraß, fraß außen nun frei,
der Mensch war ein Mantel, darunter: Geschrei.

Sie wühlten im Wurzelwerk, wühlten im Schlamm,
wollten noch wilder, noch wärmer, noch wann.
Die Zunge, die eben noch Zitate gespien,
hing nun schwer zwischen Tränken und Knien.

Und doch
nicht Hass war die Hitze in mir.
Eher Müdigkeit.
Eher ein Maß ohne Gier.
Ich dachte:
Wer alles verschlingt,
wird irgendwann Schweigen verschlingen.
Wer immer nur nimmt,
wird im Nehmen versinken.

Einer blieb stehen.
Er sah mich nicht an
wie Beute, nicht wie Beginn.
Sein Blick war Brackwasser,
salzig und unsicher, doch darin
ein Rest von Frage.

Er sprach nicht von Sieg.
Er sprach nicht von Recht.
Er fragte nur leise, war leiser als schlecht: „Was ist ein Mann, wenn er nichts mehr bezwingt?“
Ich sagte: „Vielleicht einer, der endlich beginnt.“

Der Stall schwieg.
Das Meer maß die Minuten.
Im Kessel noch Kräuter,
die heimlich verbluten.
Ich hob meine Hand,
nicht herrisch, nicht hehr,
und nahm ihm die Hufe
vom Herzen zurück – schwer.

Fleisch wurde Fläche. Haut wurde Hand.
Er stand wieder da wie ein halb fertiges Land.
Kein Held. Noch Herr. Nur Atem und Angst.
Ein Körper, der ahnt, was er war und verpasst.

Für mich war es genug,
zu leben, allein für die Hoffnung,
dass Wandel nicht Waffe,
sondern Wende sei.
Dass Macht sich nicht mästet,
sondern müde wird frei.

Die Insel blieb Insel.
Kräuter und Küste
und gelegentlich Licht.
Die See sprach in Silben aus Salz und aus Sinn:
Wer nimmt ohne Maß,
nimmt am Ende sich hin.

Ich blieb bei den Wurzeln.
Beim Mörser. Beim Meer.
Verwandlung war weder
Verheißung noch Wehr.
Spiegel, Möglichkeit, Maß im Moment.

Und wenn wieder Ruder
den Horizont ritzen,
weiß ich:
Nicht jeder, der landet,
muss wühlen und witzen.
Doch wer nur verzehrt,
wird zum Vieh seiner Wahl.
Nicht Fluch.
Nur Folge.
Im feuchten Stall.
 
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