Aktuelles
Gedichte lesen und kostenlos veröffentlichen auf Poeten.de

Poeten.de ist ein kreatives Forum und ein Treffpunkt für alle, die gerne schreiben – ob Gedichte, Geschichten oder andere literarische Werke. Hier kannst du deine Texte mit anderen teilen, Feedback erhalten und dich inspirieren lassen. Um eigene Beiträge zu veröffentlichen und aktiv mitzudiskutieren, ist eine Registrierung erforderlich. Doch auch als Gast kannst du bereits viele Werke entdecken. Tauche ein in die Welt der Poesie und des Schreibens – wir freuen uns auf dich! 🚀

Feedback jeder Art Mitau, Winternacht

Hier gelten keine Vorgaben mit Ausnahme der allgemeinen Forenregeln.
  • Daniil Lazko
    letzte Antwort
  • 0
    Antworten
  • 12
    Aufrufe
  • Teilnehmer
Mitau, Winternacht

Ein Gedicht über Ernst Johann von Biron





von


Daniil Lazko













Veröffentlicht am 7. Mai 2026








Mitau, Winternacht

Es schweigt der Saal im Kerzenscheine,
Der Herzog sinnt am kühlen Glas;
Vom Strand her weht es leis', alleine,
Und träumt im Park das welke Gras.



Er denkt der Tage voller Würde,
Da Anna ihm die Krone bot —
Nun drückt der Schnee mit stiller Bürde
Auf Mauern, kalt im Morgenrot.



Ein Bildnis blickt aus jungen Tagen,
Es lächelt fein und spricht doch nicht;
Wie wenig wog, was Lippen wagen,
Eh' Sibirien sie zerbricht.



Wie eine Träne fällt der Stunde
Ein leiser Schlag im Uhrgehäus;
Ein Reiter sprengt am Strand die Runde,
Der Wind trägt fremde Worte aus.



Bald wird er ruhn in fremder Erde —
Verbannung, Glanz, ein gleiches Spiel;
Der Mond zieht über kahle Herde,
Schnee fällt im Park auf ein Profil.​




Zur Person: Ernst Johann von Biron​

1690–1772​

Ernst Johann von Biron — geboren als Bühren in Kalnzeem im Herzogtum Kurland — gehört zu den bemerkenswertesten Figuren der osteuropäischen Geschichte des 18. Jahrhunderts. Seine Laufbahn führt in einem einzigen Bogen vom kleinen baltisch-deutschen Landadel an die Spitze des Russischen Reiches und zurück in die sibirische Verbannung.

Im Jahre 1718 trat er in den Hofdienst der Herzogin Anna von Kurland, der Nichte Peters des Großen. Aus dieser Verbindung wurde mehr als eine höfische Beziehung: Biron wurde Annas engster Vertrauter und blieb es zwei Jahrzehnte lang. Als Anna 1730 den russischen Thron als Anna Iwanowna bestieg, folgte Biron ihr nach Petersburg. Über die folgenden zehn Jahre — von der Geschichtsschreibung „Bironowschtschina" genannt — übte er praktisch unbegrenzte Macht aus. 1737 verlieh ihm Anna die Würde des Herzogs von Kurland und Semgallen.

Anna Iwanowna starb am 17. Oktober 1740. In ihrem Testament hatte sie Biron zum Regenten für den minderjährigen Iwan VI. eingesetzt. Doch nur drei Wochen später, in der Nacht vom 8. zum 9. November, wurde er durch einen Staatsstreich des Feldmarschalls Münnich verhaftet, zum Tode verurteilt, dann zu lebenslanger Verbannung begnadigt. Er verbrachte zweiundzwanzig Jahre im sibirischen Pelym und später in Jaroslawl an der Wolga.

Erst 1762, unter Peter III. und endgültig unter Katharina II., wurde er rehabilitiert und in seine Würde als Herzog von Kurland wiedereingesetzt. Er regierte zehn weitere Jahre in Mitau (heute Jelgava in Lettland), in dem Schloß, das Bartolomeo Rastrelli für ihn erbaut hatte. Dort starb er 1772, achtundsiebzigjährig — entrückt, alternd, im Schatten seiner einstigen Macht.

Das Gedicht zeigt ihn in einer dieser späten Mitauer Nächte: einen Mann, dessen Aufstieg und Fall durch eine einzige Beziehung getragen wurden — die zur Kaiserin Anna —, und dessen Geschichte mit ihrem Tod begann zu Ende zu gehen.




Literarische Analyse​

Stilistische Einordnung​

Das Gedicht steht bewußt nicht in der Linie eines einzelnen Dichters, sondern verschmilzt vier Stimmen der deutschen Lyrik des langen 19. Jahrhunderts. Von Joseph von Eichendorff stammt die nächtlich-musikalische Grundtonart: das Strömen der Naturbilder, die Selbstverständlichkeit, mit der Mond und Wind als Begleiter der inneren Bewegung auftreten. Von Theodor Storm kommt die nordische Strenge, das Schweigen, das winterliche Maß; das Gedicht spielt nicht zufällig an der Ostsee, sondern in jener kalten Klangsphäre, die Storm in seinen Husumer Versen geschaffen hat.

Conrad Ferdinand Meyer steuert die historische Disziplin und die fast steinerne Kompaktheit der Sprache bei: jede Zeile ist gemeißelt, ohne Schmuck, mit jenem leisen pathetischen Schweigen, das Meyer seinen historischen Gestalten — Hutten, dem letzten Hohenstaufen, dem römischen Brunnen — zu geben wußte. Aus Heinrich Heine schließlich kommt die feine Distanz, die ironische Doppelung, die das Gedicht davor bewahrt, eine bloße Klage zu sein. Diese vier Stimmen sind nicht aneinandergereiht, sondern in einem einzigen Klang aufgehoben.

Aufbau​

Das Gedicht ist in fünf Strophen zu je vier Zeilen gegliedert, mit Kreuzreim (abab) und alternierendem Wechsel weiblicher und männlicher Kadenzen. Das Versmaß ist der vierhebige Jambus — die schlichteste und tragfähigste Form der deutschen Lyrik, von Storm wie auch von Eichendorff bevorzugt. Sie erlaubt sowohl die getragene Bewegung der Naturbilder als auch die abrupte Schärfe einzelner Zeilen.

Die Komposition folgt einer Bewegung von außen nach innen und wieder nach außen: Die erste Strophe öffnet den Saal; die zweite blickt zurück nach Petersburg und nennt den Namen Anna; die dritte verharrt vor dem Bildnis und spricht den verborgensten Satz aus; die vierte hebt den Kopf zum Schlag der Stunde und zum Reiter am Strand; die fünfte tritt schließlich hinaus in den Park, wo der Schnee fällt. Es ist die Bewegung eines Bewußtseins, das eine Nacht durchwacht.

Bilder und Motive​

Drei Bildkreise tragen das Gedicht. Der erste umfaßt Saal, Kerze, Glas, Uhr — die alten Embleme aristokratischer Einsamkeit, der höfischen Innenwelt im Spätlicht. Der zweite umfaßt Strand, Wind, Reiter, Mond, Schnee — die Bilder der Bewegung von außen, der politischen und natürlichen Welt, die sich noch immer rührt, während ihr Held entrückt ist. Der Wind „trägt fremde Worte aus" — der einzige direkte Hinweis auf Russland, woher der Sturm einst kam und woher kein Befehl mehr kommt.

Der dritte Bildkreis verbindet die anderen: Bildnis und Profil. Das Bildnis aus „jungen Tagen" lächelt fein und schweigt; am Ende fällt der Schnee „auf ein Profil", das ungenannt bleibt. Wessen Profil? Das des Herzogs in einer Statue des Parks, das einer Büste der Anna, das einer beliebigen vergangenen Größe? Die Unentschiedenheit ist Absicht. Der Schnee deckt zu, ohne zu unterscheiden.

Die Mittelstrophe​

Die dritte Strophe trägt das innere Gewicht des Gedichts:



Ein Bildnis blickt aus jungen Tagen,

Es lächelt fein und spricht doch nicht;

Wie wenig wog, was Lippen wagen,

Eh' Sibirien sie zerbricht.



In dieser Strophe wird das Verhältnis zwischen Anfang und Ende, zwischen Wagnis und Vergeltung, in einem einzigen, fast lakonischen Satz zusammengefaßt. Die Alliteration „wenig wog ... was ... wagen" und der dunkle Vokal des „wog" verleihen dem Urteil Schwere ohne Pathos. Die Nennung Sibiriens — die einzige geographische Konkretion neben Petersburg — holt die Geschichte unmittelbar in den Vers herein. Hier ist Heine am deutlichsten zu hören: nicht als Spott, sondern als jene leise Bitterkeit, die seinen späten Romanzero durchzieht.

Der Name Anna​

Die zweite Strophe enthält die einzige Personennennung: „Da Anna ihm die Krone bot." Diese Zeile ist der heimliche Schlüssel des Gedichts. Sie gibt Birons Sturz einen menschlichen, nicht bloß politischen Grund: nicht „Petersburg" stürzt ihn, sondern der Tod der einen Frau, deren Vertrauter er war. Das Gedicht spricht dies nicht aus — es nennt den Namen, läßt ihn liegen, und alles weitere, vom Bildnis bis zum Profil im Schnee, ergibt sich aus der Stille danach.

Diese Zurückhaltung ist Meyers Erbe. Wo ein bloßer historischer Vers den Hof und die Verschwörung ausführen müßte, genügt hier ein Name, einmal genannt. Das Gedicht baut auf der Voraussetzung, daß der Leser den Rest selbst weiß; und wenn er ihn nicht weiß, soll er fühlen, daß er ihn nicht zu wissen braucht.

Tonfall und Schluß​

Der Tonfall ist ruhig, gemessen, ohne Klage. Der Schluß — „Schnee fällt im Park auf ein Profil" — ist kein Trauergesang, sondern ein Bild. Der Schnee deckt zu, ohne zu trösten, ohne zu erklären. Es ist die Geste eines Dichters, der weiß, daß die Geschichte selbst kein Urteil braucht; das Wetter genügt.

Das Gedicht endet, wo es zu enden hat: nicht mit Birons Tod, nicht mit einer Sentenz, sondern mit einer Bewegung in der Luft. Damit reiht es sich ein in jene seltene Linie der deutschen Lyrik, die das Historische nicht durch Pathos, sondern durch das Schweigen zwischen den Bildern erinnert.
 

Anhänge

  • generation-d704a10e-1c31-4fcf-92a9-2145808e0be1.jpg
    generation-d704a10e-1c31-4fcf-92a9-2145808e0be1.jpg
    125,8 KB · Aufrufe: 1
  • generation-0c62386b-424d-4133-95bd-366f19201d56 (1).png
    generation-0c62386b-424d-4133-95bd-366f19201d56 (1).png
    909,5 KB · Aufrufe: 1
  • Daniil Lazko
    letzte Antwort
  • 0
    Antworten
  • 12
    Aufrufe
  • Teilnehmer

Themen Besucher

Zurück
Oben