Unterm Säufermond
Während ich zwischendurch an einem Glas Single Malt nippe, krame ich in meinen Büchern und Manuskripten. Übrigens nicht uninteressant, der Geschmack, angenehm duftendes Bouquet … ist es Birne? Walnuss oder Eiche? Oder gar alles zusammen? Ein wirklich geschmeidiger Single Malt, zwölf Jahre im Sherryfass gelagert, atmet er weiters ein würziges Arom von Honig und frischen Pfirsichtönen aus. Im Finish vielleicht noch beerig, dazu etwas harzig getönt. Na, der Fantasie sind gottlob kaum Grenzen gesetzt.
Also, wie bereits gesagt, während ich hier bei einem Glas Whisky sitze, muss ich unweigerlich an Dichter und Schriftsteller denken, die nicht nur über den Alkoholismus geschrieben haben, sondern selbst mehr oder weniger dem Alkoholgenuss durchaus nicht abgeneigt waren, wie beispielsweise Ernest Hemingway, Edgar Allan Poe, Joseph Roth oder D. H. Lawrence, um nur einige zu nennen.
Und dreht man die Zeit ein wenig zurück, finden sich jede Menge begnadeter dichtender Schluckspechte schon in der Antike. Getrunken ist auf dieser Welt offensichtlich immer schon worden. Gedichtet auch. Wer schreibt, der trinkt auch, heißt es. Ein dichtender Chinese, Li Tai-Bo, einige Jahrhunderte vor Christi Geburt, kam im Rausch zu Tode, als er das Spiegelbild des Mondes umarmen wollte. Anakreon, griechischer Textkünstler, fand sich in der Rolle – besser betrunken am Boden als tot – bestens besetzt.
Ach ja, der Alkohol! Tröster und Mörder in einer Gestalt. Was ist nicht alles geschrieben worden im Suff? Was wurde nicht schon alles über das Trinken geschrieben? Würde man zu einer literarischen Verkostung von Trunkenheitsliteratur geladen, präsentierte sich diese wohl in einer Unmenge „alkoholhaltiger“ Leseproben. Vielleicht sollte man sich die Menükarte einer solchen Verkostung einmal genauer ansehen?
Da gibt es Bücher über die Weinkunde, über Etiketten, ja sogar Weinatlanten, die einen mit Tralala in die Welt des vergorenen Traubensaftes führen. Wieder andere verweisen dezent auf teils verborgene Weinpfade, auf Whiskytrails oder historische Bierreisen, allesamt begehrte Pilgerstätten gepflegten Säuferdaseins. Jedes (hoch)prozentige Getränk hat mittlerweile seinen „Oskar“, wird prämiert, gepriesen und gefördert und in eigens dafür geschaffenen Seminaren wird man darüber belehrt, wie man leert.
Ist das normal? Ist die Sauferei nicht gesellschaftsgefährdend? Sind wir bereits ein Volk der weichen Birnen? Angeblich trinkt jeder Vierte unter uns professionell. Das heißt, pro Kopf und Leber zum Beispiel 256 Liter Bier im Jahresdurchschnitt. Da ist vom Wein noch gar nicht die Rede. Ganz zu schweigen vom Schnapserl.
Aber damit nicht gleich alles so schrecklich ungesund und sündhaft klingt, geben wir den Gläsern, aus denen wir ihn trinken, den verwerflichen Saft, gerne verniedlichende Namen wie Krügerl, Seiderl, Vierterl, Achterl, Glaserl oder Stamperl. Nicht zu vergessen eine beinahe völlig verschwindende Größe unter den Gläsern, die echte Profis kaum wählen, der Pfiff, oder noch kleiner, das Pfifferl. Nein nein nein nein! Das ist etwas für betagte Damen oder den älteren Herren. Ein Amateurgebinde quasi.
Der echte Trinker hat seine Halbe, seine Maß, sein Krügel, sein Seidl oder sein Viertel, alle ohne das verharmlosende „r“ vorm letzten Konsonanten. Ohnehin bloß Schnickschnack für Heimlichtrinker.
Zur Definition des Zustandes danach werden Vergleiche aus dem Tierreich herangezogen, um ihn anschaulich zu beschreiben, wie etwa einen „Affen“ haben, einen „Spitz“ oder „Bären“. Manch einer hat eine „Sau“, einen „Esel“ oder ganz einfach „Kälber“ oder „Gänse“. Wem das zu exotisch ist, kann sich ja mit „Dampf“, „Flieger“, „Fahne“ oder mit „einen in der Krone haben“ begnügen. Man gießt sich entweder „einen auf die Lampe“ oder auch „hinter die Binde“. Im Prinzip kommt es auf dasselbe heraus. Oder kurz gesagt, ganz gleich wie, das Ergebnis hinterher ist immer eindeutig. Besoffen, berauscht, fett, trunken oder schlicht und einfach voll, abgefüllt, zu.
Ich frage mich oft, was hat die Menschheit dazu gebracht, sich seit Jahrhunderten wenn nicht schon länger, Alkoholisches so mir nichts dir nichts hineinzuschütten? Liegen die Ursachen darin, die Welt nicht mehr verstanden zu haben, im Epochenwechsel etwa? Haben die politischen oder sozialen Verhältnisse dazu geführt? Waren die römischen Galeeren oder die kolumbus´schen Koggen maßgeblich an der weltweiten Verteilung von Wein- oder Rumrationen beteiligt? Ist den Menschen Guttenbergs Massendruckerei zu rasch zu Kopf gestiegen oder hat man bloß aus Jux und Tollerei gesoffen?
Vielleicht war die Erringung neuer geistiger Werteskalen ausschlaggebend, um der Trunksucht den geeigneten Teppich zu legen? Die Menschheit fühlte sich überfordert und griff zum Glas, damit sie das alles ertrug. Zugegeben, die neue Rolle des Bürgertums als Kulturträger war sicherlich auch nicht leicht zu ertragen. Worum sollte man sich nicht noch kümmern?
Dann darf man aber auch nicht den Aufschwung der Städte vergessen, den des Handels, des Gewerbes und Handwerkes und damit eng verbun8den die Geldwirtschaft. Schließlich musste so ein Rausch ja auch bezahlt werden. Wie hätte denn der Wirt sonst überlebt?
Und viele drängte es vom Dorf ins Stadtleben. Dort schien die Gesellschaft in soziale Unordnung zu geraten, was wiederum dem Griff zum Becher förderlich war, wie Beispiele aus Quellen, die sich mit dem Laster der Trunksucht beschäftigten, bestätigen.
Natürlich wollte man vorerst nichts beschönigen, durchaus nicht. Die Literatur bahnte sich ihren Weg über die Satire zum Alkoholproblem, über Schriften zur Bekämpfung dieser Untugend bis hin zur Glorifizierung des alkoholischen Getränkes. Und zur neuen Geistigkeit der Reformation schienen geistige Getränke recht gut zu passen, wenn man sich ein wenig im 16. Jahrhundert umsieht. Ganz klar, der Mensch war verunsichert. Das wirkte sich auf die Lebensgewohnheiten aus, die sicher nicht nur Freude verhießen, sondern ebenso Leid und Verzweiflung zum Inhalt hatten.
Einer der Arbeitstage, die für das Gesinde, für die Lehrlinge wie auch für die Gesellen, die Bediensteten, Hilfskräfte und Lohnarbeiter frühmorgens nach der Morgensuppe begannen und sieben bis fünfzehn Stunden dauerten, hieß bezeichnenderweise „blauer Montag“, hatte aber mit „Blau-Sein“ nichts gemeinsam. Vielmehr ging er auf den alten Brauch, den Handwerksgesellen am Montag freizugeben, zurück. Ob dies aus logischer Konsequenz geschah, weil die Typen am Montag ihren Dampf vom Wochenende ausschlafen mussten, sei dahingestellt.
Daneben jedoch blühte das Leben, und diejenigen, die es sich leisten konnten, bis zum heutigen Tag kein Unterschied, frönten dem guten Essen und Trinken, der Geselligkeit, dem Spiel, der Jagd, aber auch dem Müßiggang, der Völlerei, dem Luxus wie auch der Wonne und dem Genusse bei Festen wie dem Vogelschießen und der Weinernte, ebenso wie anlässlich privater Feste, Zunftfeste oder an Reichstagen.
Wer von uns kennt den Brauch ums Zutrinken nicht aus eigener Erfahrung, um den Ruhm der Trinkfestigkeit und die Unsitte, den anderen unter den Tisch zu trinken? Besoffenheit galt durchaus nicht als diffamierend. Und es gab genug Tavernen und Schenken, in denen auf ständische Art schrankenlos gesoffen wurde.
Verdächtig derjenige, der nicht trank. Arglistig und gar von niederem Wert sei dieser. Sauf, hieß es, als allmächtiger Abgott, wer auch immer diesen Spruch in die Welt gesetzt hat. Ein Schelm, der behauptet, Martin Luther selbst hätte das verbreitet.
Das Kammergericht hatte wegen der Trunksucht jedenfalls genug zu tun. Delikte von Gotteslästerung bis hin zum Totschlag gehörten zum Alltag. Die Sauferei mündete in Ehebruch, säte Zwietracht unter die Menschen und führte zu Meuterei und Verrat.
Aber, was wäre der Mensch schon ohne Laster? Die Laster sind den Tugenden beigemischt, wie die Gifte der Arznei. Unsere Intelligenz verbindet sie und mäßigt sie, und bedient sich ihrer mit Nutzen gegen die Übel des Daseins. Schließlich erwarten uns die Laster auf dem Weg unseres Lebens wie Herbergen, bei denen wir unbedingt einkehren müssen. Man muss daher zutiefst bezweifeln, dass wir sie aus Erfahrung meiden würden, wenn uns vergönnt wäre, den Weg unseres Lebens zumindest zweimal zu gehen, steht irgendwo.
Doch was die einen gutheißen, verdammen die anderen. Im Alten Testament ist vom beseligenden Getränk des Weines die Rede. Im Neuen Testament gibt es den Vergleich vom Weinstock und der Rebe. Wir verehren Weinheilige und Schutzpatrone, etwa die Traubenmadonnen.
Sind Sie Buddhist oder Moslem, kriegen Sie mit dem Alkohol ein Problem. Aber wir Trinker haben für alles eine Erklärung, die mit dem Alkoholgenuss zu tun hat. Ist etwa Wein im Manne, ist der Verstand in der Kanne. Oder, beim Trunk geht die Zunge auf Stelzen. Denken Sie an den Dorfrichter Adam bei Kleist. Es ist der Wein, der die Zunge erst geschickt macht, den Käse zu schmecken. Ein anderer: Süß getrunken, sauer bezahlt. Klingt echt hart. Nicht zu vergessen, ein guter Trunk macht Alte jung! Und die Römer? Die alten Römer? Waren auch nicht ohne. In vino veritas, Sie erinnern sich? Verachten Sie mir die Germanen nicht! Frankenwein, Krankenwein. Na bitte! Oder Rheinwein, fein Wein! Noch so ein sinniger Spruch, Neckar Wein, schlecker Wein. Der Reim ist nicht ganz rein, hoffentlich ist es der Wein.
Und schon wieder Herr Luther, wenn´s stimmt, red, was wahr ist, iss, was gar ist, trink, was klar ist. Dazu ist nichts zu sagen.
Nun, es muss nicht immer Wein sein, wenn gereimt wird. Wie wär´s einmal mit Bier? Riecht es aus dem Schrank nach Bier, weiß der Bauer, der 8Knecht war hier. Kein Wunder also, wenn manche von uns schlaftrunken sind, wissensdurstig, von Rachedurst getrieben, im Liebes- oder Siegesrausch sind. Dem Kellner geben wir auf alle Fälle Trinkgeld. Jedoch, wer trunken wird, ist schuldig, nicht der Wein.
Mitunter vermögen Trinksprüche oft recht praktische Bereiche anzusprechen, wenn es da heißt, sauf, dass dir die Nase glüht, rot wie ein Furunkel, dass sie dir als Lampe dient, in des Lebens Dunkel!
Der akademische Mensch hält zuweilen sehr viel von solchen Philosophien, wie alte Studentenlieder beweisen: Um den Jammer zu vertreiben, will dir ein Rezept verschreiben, oft schon hat es zugetroffen, es wird immer fortgesoffen. Oder wie der Großvater meines lieben ungarischen Freundes zu sagen pflegte, Alkohol wäre in kleinen Mengen Medizin, in großen Mengen Medikament. Wenn da noch jemand von maßvollem Trinken spricht, kann es sich dabei nur um einen Widerspruch per se handeln. Die kalten Schauer können einem bei dem Gedanken hinunterlaufen. Wie ein bekanntes Sinngedicht auch bestätigt: Denn es frieret selbst im wärmsten Rock der Säufer und der Hurenbock!
Wenn ich es recht bedenke, ist es gar kein so großes Problem, an eine ordentliche Flasche Schnaps heranzukommen, auch wenn der Säckel noch so leer ist. Um zehn Euro bekommt man schon einen brauchbaren Obstler, Weinbrand oder Whiskey. Zugegeben, der gepflegte Trinker leistet sich natürlich teureren Stoff. Schließlich geht es um Geschmack, um Stil und Tradition. Nicht zuletzt auch um die Gesellschaftsfähigkeit. Ich mache jetzt eine kleine Schreibpause und nehme einen Schluck von meinem Glas. Nach kurzer Zeit werde ich versuchen, meinen Zustand zu analysieren. Ja, ich merke bereits, wie der Alkohol wirkt. Wohlige Wärme durchzieht meine Magengegend und entspannt meine Muskeln. Immerhin sitze ich schon eine geraume Weile vor dem Laptop und tippe. Ich gehöre noch nicht zu den Schnelltrinkern, die bereits am Morgen ihre Ration hinunterkippen müssen, um überhaupt einmal die Kaffeeschale ruhig halten zu können. Daher komme ich mit einer Flasche eine gute Woche durch. Der zweite Schluck bereits hebt mein Selbstwertgefühl in kürzester Zeit enorm. Ich setze das Glas ab. Nun werde ich versuchen, im Text fortzufahren.
Ich krame in einer alten Mitschrift aus meiner Studienzeit, die sich mit Trunkenheitsliteratur auseinandersetzte. Beim Lesen entsinne ich mich der hervorragend beschriebenen Wirtshausszenen Seyfried Helblings, Pflichtliteratur damals, einem Spielmann in der Nähe Zwettls gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Ein geübter Schreiber, der gegen den allgemeinen Sittenverfall und aufkommende Modetorheiten wettert und versucht, dem Leser mit seinen Schriften eine Art Spiegel vorzuhalten, damit er sich darin in seinen Irrtümern erkennen und womöglich bessern möge.
Den Leuten einen Spiegel vorhalten erwies sich stets als probates Mittel, die Menschheit vor Gefahren und Dummheiten bewahren zu wollen. Damit stand er nicht allein da. Ein gewisser Berthold von Regensburg, 1272 verstorben, steht ihm um nichts nach und fordert in seinen Predigten wortgewaltig die mangelnde Besinnung der Menschen auf sich selbst. Es ist eine Zeit, in der die Moralsatire eine Blütezeit erlebt und sich höchst moralisch an den Lastern und der Liederlichkeiten der Epoche versucht.
Und Weltverbesserer gab es damals genug. Ich finde einen Hugo von Trimberg und den Meister Renauß, Meister ironischer Lehrgedichte, etwa „Des Teufels Netz“, worin es um den Wein und die Liebe geht. Die literarischen Inhalte beziehen sich oft auf opulentes Essen wie sechsgängige Menüs, Trinken aus voluminösen zinnernen Kannen, das Spiel und die Jagd. Und nicht zuletzt standen die ausgeprägtesten Leidenschaften der damaligen Zeit eng im Zusammenhang mit dem maßlosen Genuss von Alkohol. Eigentlich nicht viel anders als heutzutage, vom Zinn einmal abgesehen.
Offensichtlich waren die Folgen des Alkoholmissbrauchs den Behörden irgendwann einmal zu viel geworden, sodass man sich 1512, unter der Regentschaft von Karl dem V., dazu entschloss, ein Reichsgesetz gegen das Saufen zu verordnen, welches Trunkenbolde mit hohen Strafen belegen sollte. Nebenbei wurde auch gleich ein anderes Gesetz verschärft, nämlich der Tötungsparagraf. Wesentlich höher bestraft sollte werden, wer einen Weinbauern tötete. Für passionierte Trinker ein nachvollziehbarer Schritt der Justizbehörde, oder? Schlimm stand es auch um den Schankwirt, wenn er dabei erwischt wurde, dass sein Wein verwässert war. In diesem Falle drohte das höchst ungesunde Eingemauertwerden bei lebendigem Leibe.
Während ich zwischendurch an einem Glas Single Malt nippe, krame ich in meinen Büchern und Manuskripten. Übrigens nicht uninteressant, der Geschmack, angenehm duftendes Bouquet … ist es Birne? Walnuss oder Eiche? Oder gar alles zusammen? Ein wirklich geschmeidiger Single Malt, zwölf Jahre im Sherryfass gelagert, atmet er weiters ein würziges Arom von Honig und frischen Pfirsichtönen aus. Im Finish vielleicht noch beerig, dazu etwas harzig getönt. Na, der Fantasie sind gottlob kaum Grenzen gesetzt.
Also, wie bereits gesagt, während ich hier bei einem Glas Whisky sitze, muss ich unweigerlich an Dichter und Schriftsteller denken, die nicht nur über den Alkoholismus geschrieben haben, sondern selbst mehr oder weniger dem Alkoholgenuss durchaus nicht abgeneigt waren, wie beispielsweise Ernest Hemingway, Edgar Allan Poe, Joseph Roth oder D. H. Lawrence, um nur einige zu nennen.
Und dreht man die Zeit ein wenig zurück, finden sich jede Menge begnadeter dichtender Schluckspechte schon in der Antike. Getrunken ist auf dieser Welt offensichtlich immer schon worden. Gedichtet auch. Wer schreibt, der trinkt auch, heißt es. Ein dichtender Chinese, Li Tai-Bo, einige Jahrhunderte vor Christi Geburt, kam im Rausch zu Tode, als er das Spiegelbild des Mondes umarmen wollte. Anakreon, griechischer Textkünstler, fand sich in der Rolle – besser betrunken am Boden als tot – bestens besetzt.
Ach ja, der Alkohol! Tröster und Mörder in einer Gestalt. Was ist nicht alles geschrieben worden im Suff? Was wurde nicht schon alles über das Trinken geschrieben? Würde man zu einer literarischen Verkostung von Trunkenheitsliteratur geladen, präsentierte sich diese wohl in einer Unmenge „alkoholhaltiger“ Leseproben. Vielleicht sollte man sich die Menükarte einer solchen Verkostung einmal genauer ansehen?
Da gibt es Bücher über die Weinkunde, über Etiketten, ja sogar Weinatlanten, die einen mit Tralala in die Welt des vergorenen Traubensaftes führen. Wieder andere verweisen dezent auf teils verborgene Weinpfade, auf Whiskytrails oder historische Bierreisen, allesamt begehrte Pilgerstätten gepflegten Säuferdaseins. Jedes (hoch)prozentige Getränk hat mittlerweile seinen „Oskar“, wird prämiert, gepriesen und gefördert und in eigens dafür geschaffenen Seminaren wird man darüber belehrt, wie man leert.
Ist das normal? Ist die Sauferei nicht gesellschaftsgefährdend? Sind wir bereits ein Volk der weichen Birnen? Angeblich trinkt jeder Vierte unter uns professionell. Das heißt, pro Kopf und Leber zum Beispiel 256 Liter Bier im Jahresdurchschnitt. Da ist vom Wein noch gar nicht die Rede. Ganz zu schweigen vom Schnapserl.
Aber damit nicht gleich alles so schrecklich ungesund und sündhaft klingt, geben wir den Gläsern, aus denen wir ihn trinken, den verwerflichen Saft, gerne verniedlichende Namen wie Krügerl, Seiderl, Vierterl, Achterl, Glaserl oder Stamperl. Nicht zu vergessen eine beinahe völlig verschwindende Größe unter den Gläsern, die echte Profis kaum wählen, der Pfiff, oder noch kleiner, das Pfifferl. Nein nein nein nein! Das ist etwas für betagte Damen oder den älteren Herren. Ein Amateurgebinde quasi.
Der echte Trinker hat seine Halbe, seine Maß, sein Krügel, sein Seidl oder sein Viertel, alle ohne das verharmlosende „r“ vorm letzten Konsonanten. Ohnehin bloß Schnickschnack für Heimlichtrinker.
Zur Definition des Zustandes danach werden Vergleiche aus dem Tierreich herangezogen, um ihn anschaulich zu beschreiben, wie etwa einen „Affen“ haben, einen „Spitz“ oder „Bären“. Manch einer hat eine „Sau“, einen „Esel“ oder ganz einfach „Kälber“ oder „Gänse“. Wem das zu exotisch ist, kann sich ja mit „Dampf“, „Flieger“, „Fahne“ oder mit „einen in der Krone haben“ begnügen. Man gießt sich entweder „einen auf die Lampe“ oder auch „hinter die Binde“. Im Prinzip kommt es auf dasselbe heraus. Oder kurz gesagt, ganz gleich wie, das Ergebnis hinterher ist immer eindeutig. Besoffen, berauscht, fett, trunken oder schlicht und einfach voll, abgefüllt, zu.
Ich frage mich oft, was hat die Menschheit dazu gebracht, sich seit Jahrhunderten wenn nicht schon länger, Alkoholisches so mir nichts dir nichts hineinzuschütten? Liegen die Ursachen darin, die Welt nicht mehr verstanden zu haben, im Epochenwechsel etwa? Haben die politischen oder sozialen Verhältnisse dazu geführt? Waren die römischen Galeeren oder die kolumbus´schen Koggen maßgeblich an der weltweiten Verteilung von Wein- oder Rumrationen beteiligt? Ist den Menschen Guttenbergs Massendruckerei zu rasch zu Kopf gestiegen oder hat man bloß aus Jux und Tollerei gesoffen?
Vielleicht war die Erringung neuer geistiger Werteskalen ausschlaggebend, um der Trunksucht den geeigneten Teppich zu legen? Die Menschheit fühlte sich überfordert und griff zum Glas, damit sie das alles ertrug. Zugegeben, die neue Rolle des Bürgertums als Kulturträger war sicherlich auch nicht leicht zu ertragen. Worum sollte man sich nicht noch kümmern?
Dann darf man aber auch nicht den Aufschwung der Städte vergessen, den des Handels, des Gewerbes und Handwerkes und damit eng verbun8den die Geldwirtschaft. Schließlich musste so ein Rausch ja auch bezahlt werden. Wie hätte denn der Wirt sonst überlebt?
Und viele drängte es vom Dorf ins Stadtleben. Dort schien die Gesellschaft in soziale Unordnung zu geraten, was wiederum dem Griff zum Becher förderlich war, wie Beispiele aus Quellen, die sich mit dem Laster der Trunksucht beschäftigten, bestätigen.
Natürlich wollte man vorerst nichts beschönigen, durchaus nicht. Die Literatur bahnte sich ihren Weg über die Satire zum Alkoholproblem, über Schriften zur Bekämpfung dieser Untugend bis hin zur Glorifizierung des alkoholischen Getränkes. Und zur neuen Geistigkeit der Reformation schienen geistige Getränke recht gut zu passen, wenn man sich ein wenig im 16. Jahrhundert umsieht. Ganz klar, der Mensch war verunsichert. Das wirkte sich auf die Lebensgewohnheiten aus, die sicher nicht nur Freude verhießen, sondern ebenso Leid und Verzweiflung zum Inhalt hatten.
Einer der Arbeitstage, die für das Gesinde, für die Lehrlinge wie auch für die Gesellen, die Bediensteten, Hilfskräfte und Lohnarbeiter frühmorgens nach der Morgensuppe begannen und sieben bis fünfzehn Stunden dauerten, hieß bezeichnenderweise „blauer Montag“, hatte aber mit „Blau-Sein“ nichts gemeinsam. Vielmehr ging er auf den alten Brauch, den Handwerksgesellen am Montag freizugeben, zurück. Ob dies aus logischer Konsequenz geschah, weil die Typen am Montag ihren Dampf vom Wochenende ausschlafen mussten, sei dahingestellt.
Daneben jedoch blühte das Leben, und diejenigen, die es sich leisten konnten, bis zum heutigen Tag kein Unterschied, frönten dem guten Essen und Trinken, der Geselligkeit, dem Spiel, der Jagd, aber auch dem Müßiggang, der Völlerei, dem Luxus wie auch der Wonne und dem Genusse bei Festen wie dem Vogelschießen und der Weinernte, ebenso wie anlässlich privater Feste, Zunftfeste oder an Reichstagen.
Wer von uns kennt den Brauch ums Zutrinken nicht aus eigener Erfahrung, um den Ruhm der Trinkfestigkeit und die Unsitte, den anderen unter den Tisch zu trinken? Besoffenheit galt durchaus nicht als diffamierend. Und es gab genug Tavernen und Schenken, in denen auf ständische Art schrankenlos gesoffen wurde.
Verdächtig derjenige, der nicht trank. Arglistig und gar von niederem Wert sei dieser. Sauf, hieß es, als allmächtiger Abgott, wer auch immer diesen Spruch in die Welt gesetzt hat. Ein Schelm, der behauptet, Martin Luther selbst hätte das verbreitet.
Das Kammergericht hatte wegen der Trunksucht jedenfalls genug zu tun. Delikte von Gotteslästerung bis hin zum Totschlag gehörten zum Alltag. Die Sauferei mündete in Ehebruch, säte Zwietracht unter die Menschen und führte zu Meuterei und Verrat.
Aber, was wäre der Mensch schon ohne Laster? Die Laster sind den Tugenden beigemischt, wie die Gifte der Arznei. Unsere Intelligenz verbindet sie und mäßigt sie, und bedient sich ihrer mit Nutzen gegen die Übel des Daseins. Schließlich erwarten uns die Laster auf dem Weg unseres Lebens wie Herbergen, bei denen wir unbedingt einkehren müssen. Man muss daher zutiefst bezweifeln, dass wir sie aus Erfahrung meiden würden, wenn uns vergönnt wäre, den Weg unseres Lebens zumindest zweimal zu gehen, steht irgendwo.
Doch was die einen gutheißen, verdammen die anderen. Im Alten Testament ist vom beseligenden Getränk des Weines die Rede. Im Neuen Testament gibt es den Vergleich vom Weinstock und der Rebe. Wir verehren Weinheilige und Schutzpatrone, etwa die Traubenmadonnen.
Sind Sie Buddhist oder Moslem, kriegen Sie mit dem Alkohol ein Problem. Aber wir Trinker haben für alles eine Erklärung, die mit dem Alkoholgenuss zu tun hat. Ist etwa Wein im Manne, ist der Verstand in der Kanne. Oder, beim Trunk geht die Zunge auf Stelzen. Denken Sie an den Dorfrichter Adam bei Kleist. Es ist der Wein, der die Zunge erst geschickt macht, den Käse zu schmecken. Ein anderer: Süß getrunken, sauer bezahlt. Klingt echt hart. Nicht zu vergessen, ein guter Trunk macht Alte jung! Und die Römer? Die alten Römer? Waren auch nicht ohne. In vino veritas, Sie erinnern sich? Verachten Sie mir die Germanen nicht! Frankenwein, Krankenwein. Na bitte! Oder Rheinwein, fein Wein! Noch so ein sinniger Spruch, Neckar Wein, schlecker Wein. Der Reim ist nicht ganz rein, hoffentlich ist es der Wein.
Und schon wieder Herr Luther, wenn´s stimmt, red, was wahr ist, iss, was gar ist, trink, was klar ist. Dazu ist nichts zu sagen.
Nun, es muss nicht immer Wein sein, wenn gereimt wird. Wie wär´s einmal mit Bier? Riecht es aus dem Schrank nach Bier, weiß der Bauer, der 8Knecht war hier. Kein Wunder also, wenn manche von uns schlaftrunken sind, wissensdurstig, von Rachedurst getrieben, im Liebes- oder Siegesrausch sind. Dem Kellner geben wir auf alle Fälle Trinkgeld. Jedoch, wer trunken wird, ist schuldig, nicht der Wein.
Mitunter vermögen Trinksprüche oft recht praktische Bereiche anzusprechen, wenn es da heißt, sauf, dass dir die Nase glüht, rot wie ein Furunkel, dass sie dir als Lampe dient, in des Lebens Dunkel!
Der akademische Mensch hält zuweilen sehr viel von solchen Philosophien, wie alte Studentenlieder beweisen: Um den Jammer zu vertreiben, will dir ein Rezept verschreiben, oft schon hat es zugetroffen, es wird immer fortgesoffen. Oder wie der Großvater meines lieben ungarischen Freundes zu sagen pflegte, Alkohol wäre in kleinen Mengen Medizin, in großen Mengen Medikament. Wenn da noch jemand von maßvollem Trinken spricht, kann es sich dabei nur um einen Widerspruch per se handeln. Die kalten Schauer können einem bei dem Gedanken hinunterlaufen. Wie ein bekanntes Sinngedicht auch bestätigt: Denn es frieret selbst im wärmsten Rock der Säufer und der Hurenbock!
Wenn ich es recht bedenke, ist es gar kein so großes Problem, an eine ordentliche Flasche Schnaps heranzukommen, auch wenn der Säckel noch so leer ist. Um zehn Euro bekommt man schon einen brauchbaren Obstler, Weinbrand oder Whiskey. Zugegeben, der gepflegte Trinker leistet sich natürlich teureren Stoff. Schließlich geht es um Geschmack, um Stil und Tradition. Nicht zuletzt auch um die Gesellschaftsfähigkeit. Ich mache jetzt eine kleine Schreibpause und nehme einen Schluck von meinem Glas. Nach kurzer Zeit werde ich versuchen, meinen Zustand zu analysieren. Ja, ich merke bereits, wie der Alkohol wirkt. Wohlige Wärme durchzieht meine Magengegend und entspannt meine Muskeln. Immerhin sitze ich schon eine geraume Weile vor dem Laptop und tippe. Ich gehöre noch nicht zu den Schnelltrinkern, die bereits am Morgen ihre Ration hinunterkippen müssen, um überhaupt einmal die Kaffeeschale ruhig halten zu können. Daher komme ich mit einer Flasche eine gute Woche durch. Der zweite Schluck bereits hebt mein Selbstwertgefühl in kürzester Zeit enorm. Ich setze das Glas ab. Nun werde ich versuchen, im Text fortzufahren.
Ich krame in einer alten Mitschrift aus meiner Studienzeit, die sich mit Trunkenheitsliteratur auseinandersetzte. Beim Lesen entsinne ich mich der hervorragend beschriebenen Wirtshausszenen Seyfried Helblings, Pflichtliteratur damals, einem Spielmann in der Nähe Zwettls gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Ein geübter Schreiber, der gegen den allgemeinen Sittenverfall und aufkommende Modetorheiten wettert und versucht, dem Leser mit seinen Schriften eine Art Spiegel vorzuhalten, damit er sich darin in seinen Irrtümern erkennen und womöglich bessern möge.
Den Leuten einen Spiegel vorhalten erwies sich stets als probates Mittel, die Menschheit vor Gefahren und Dummheiten bewahren zu wollen. Damit stand er nicht allein da. Ein gewisser Berthold von Regensburg, 1272 verstorben, steht ihm um nichts nach und fordert in seinen Predigten wortgewaltig die mangelnde Besinnung der Menschen auf sich selbst. Es ist eine Zeit, in der die Moralsatire eine Blütezeit erlebt und sich höchst moralisch an den Lastern und der Liederlichkeiten der Epoche versucht.
Und Weltverbesserer gab es damals genug. Ich finde einen Hugo von Trimberg und den Meister Renauß, Meister ironischer Lehrgedichte, etwa „Des Teufels Netz“, worin es um den Wein und die Liebe geht. Die literarischen Inhalte beziehen sich oft auf opulentes Essen wie sechsgängige Menüs, Trinken aus voluminösen zinnernen Kannen, das Spiel und die Jagd. Und nicht zuletzt standen die ausgeprägtesten Leidenschaften der damaligen Zeit eng im Zusammenhang mit dem maßlosen Genuss von Alkohol. Eigentlich nicht viel anders als heutzutage, vom Zinn einmal abgesehen.
Offensichtlich waren die Folgen des Alkoholmissbrauchs den Behörden irgendwann einmal zu viel geworden, sodass man sich 1512, unter der Regentschaft von Karl dem V., dazu entschloss, ein Reichsgesetz gegen das Saufen zu verordnen, welches Trunkenbolde mit hohen Strafen belegen sollte. Nebenbei wurde auch gleich ein anderes Gesetz verschärft, nämlich der Tötungsparagraf. Wesentlich höher bestraft sollte werden, wer einen Weinbauern tötete. Für passionierte Trinker ein nachvollziehbarer Schritt der Justizbehörde, oder? Schlimm stand es auch um den Schankwirt, wenn er dabei erwischt wurde, dass sein Wein verwässert war. In diesem Falle drohte das höchst ungesunde Eingemauertwerden bei lebendigem Leibe.