Was man sieht, wenn man klein ist
Ich weiß nicht, warum Erwachsene immer so tun, als wäre alles in Ordnung, wenn man es doch sehen kann. Schon an der Art, wie Mama die Tür aufdrückt, merke ich, dass sie heute wieder versucht, stark zu sein. Der Türstopper rutscht ein Stück nach hinten, als hätte er keine Lust, seinen Job zu machen. Vielleicht geht es ihm wie mir.
„Hübsch hast du’s hier“, sagt Onkel Jonas, und ich höre sofort, dass er das nicht meint. Er schaut überall hin, nur nicht zu Mama. Sein Blick bleibt am Sofa hängen, an dem Kissen, das immer ein bisschen schief liegt, weil Mama nachts darauf schläft, wenn sie nicht schlafen kann. Er sagt nichts dazu, aber ich sehe, wie er es bemerkt.
Auf dem Couchtisch steht eine Tasse, halb leer, halb vergessen. Daneben die Fernbedienung, die Mama manchmal so fest hält, als könnte sie damit die Welt anhalten. Die Vase mit Blumen riecht nach fast-verwelkt, aber Mama sagt immer, Blumen sterben nicht, sie erinnern nur daran, dass Zeit vergeht. Ich glaube, das sagt sie mehr zu sich selbst.
Ich sehe, wie Onkel Jonas den Bücherschrank mustert. Das Lesezeichen steckt immer noch an derselben Stelle wie vor Wochen. Mama liest nicht mehr weiter, seit Papa weg ist. Sie sagt, Geschichten brauchen Ruhe, und die haben wir gerade nicht. Im Korb mit Handarbeitszeug hängt eine angefangene Masche, die sich schon ein bisschen aufgelöst hat. Ich mag sie so, weil sie aussieht wie ein Gedanke, der nicht zu Ende gedacht wurde.
Die Fensterdeko bewegt sich im Luftzug, obwohl das Fenster zu ist. Ich frage mich, ob das ein Zeichen ist. Mama sagt, manchmal schwingen Dinge nach, auch wenn niemand sie berührt. Vielleicht gilt das auch für Menschen.
Dann sieht Onkel Jonas den Wagenheber. Er steht neben dem Tisch, als würde er sich schämen, hier zu sein. „Warum… steht der hier?“, fragt er, und diesmal klingt er wirklich verwirrt.
Mama zuckt mit den Schultern. „Ich wollte etwas anheben“, sagt sie. „Nur ein bisschen. Nur um zu sehen, ob es geht.“
Ich weiß, dass sie nicht den Tisch meint. Ich weiß, dass Onkel Jonas das auch weiß. Und ich weiß, dass Erwachsene manchmal lügen, weil die Wahrheit zu schwer ist, um sie einfach so in den Raum zu stellen.
Ich nehme die Schere vom Boden auf, weil Mama immer sagt, man soll nichts liegen lassen, das schneiden kann. „Manchmal“, sage ich, „muss man Sachen hochheben, damit man sieht, was drunter ist.“
Onkel Jonas schaut mich an, als hätte ich etwas gesagt, das er nicht erwartet hat. Mama lächelt, aber nur ein bisschen. So ein Lächeln, das man festhalten muss, damit es nicht gleich wieder verschwindet.
Neben ihrem Fuß liegt das Häkeldeckchen, das sie nie wegwirft, obwohl es nicht zu unseren Sachen passt. Sie sagt, es sei von Oma, und manchmal glaube ich, dass es hier liegt, damit wenigstens ein Teil von früher noch weiß, wo er hingehört.
Und für einen Moment fühlt sich das Wohnzimmer an, als würde es atmen. Nicht schön. Nicht ordentlich. Aber wahr.
Vielleicht sehen Kinder einfach früher, wenn etwas schwer geworden ist.
Ich weiß nicht, warum Erwachsene immer so tun, als wäre alles in Ordnung, wenn man es doch sehen kann. Schon an der Art, wie Mama die Tür aufdrückt, merke ich, dass sie heute wieder versucht, stark zu sein. Der Türstopper rutscht ein Stück nach hinten, als hätte er keine Lust, seinen Job zu machen. Vielleicht geht es ihm wie mir.
„Hübsch hast du’s hier“, sagt Onkel Jonas, und ich höre sofort, dass er das nicht meint. Er schaut überall hin, nur nicht zu Mama. Sein Blick bleibt am Sofa hängen, an dem Kissen, das immer ein bisschen schief liegt, weil Mama nachts darauf schläft, wenn sie nicht schlafen kann. Er sagt nichts dazu, aber ich sehe, wie er es bemerkt.
Auf dem Couchtisch steht eine Tasse, halb leer, halb vergessen. Daneben die Fernbedienung, die Mama manchmal so fest hält, als könnte sie damit die Welt anhalten. Die Vase mit Blumen riecht nach fast-verwelkt, aber Mama sagt immer, Blumen sterben nicht, sie erinnern nur daran, dass Zeit vergeht. Ich glaube, das sagt sie mehr zu sich selbst.
Ich sehe, wie Onkel Jonas den Bücherschrank mustert. Das Lesezeichen steckt immer noch an derselben Stelle wie vor Wochen. Mama liest nicht mehr weiter, seit Papa weg ist. Sie sagt, Geschichten brauchen Ruhe, und die haben wir gerade nicht. Im Korb mit Handarbeitszeug hängt eine angefangene Masche, die sich schon ein bisschen aufgelöst hat. Ich mag sie so, weil sie aussieht wie ein Gedanke, der nicht zu Ende gedacht wurde.
Die Fensterdeko bewegt sich im Luftzug, obwohl das Fenster zu ist. Ich frage mich, ob das ein Zeichen ist. Mama sagt, manchmal schwingen Dinge nach, auch wenn niemand sie berührt. Vielleicht gilt das auch für Menschen.
Dann sieht Onkel Jonas den Wagenheber. Er steht neben dem Tisch, als würde er sich schämen, hier zu sein. „Warum… steht der hier?“, fragt er, und diesmal klingt er wirklich verwirrt.
Mama zuckt mit den Schultern. „Ich wollte etwas anheben“, sagt sie. „Nur ein bisschen. Nur um zu sehen, ob es geht.“
Ich weiß, dass sie nicht den Tisch meint. Ich weiß, dass Onkel Jonas das auch weiß. Und ich weiß, dass Erwachsene manchmal lügen, weil die Wahrheit zu schwer ist, um sie einfach so in den Raum zu stellen.
Ich nehme die Schere vom Boden auf, weil Mama immer sagt, man soll nichts liegen lassen, das schneiden kann. „Manchmal“, sage ich, „muss man Sachen hochheben, damit man sieht, was drunter ist.“
Onkel Jonas schaut mich an, als hätte ich etwas gesagt, das er nicht erwartet hat. Mama lächelt, aber nur ein bisschen. So ein Lächeln, das man festhalten muss, damit es nicht gleich wieder verschwindet.
Neben ihrem Fuß liegt das Häkeldeckchen, das sie nie wegwirft, obwohl es nicht zu unseren Sachen passt. Sie sagt, es sei von Oma, und manchmal glaube ich, dass es hier liegt, damit wenigstens ein Teil von früher noch weiß, wo er hingehört.
Und für einen Moment fühlt sich das Wohnzimmer an, als würde es atmen. Nicht schön. Nicht ordentlich. Aber wahr.
Vielleicht sehen Kinder einfach früher, wenn etwas schwer geworden ist.