Achtundachtzig
von Sam de Wenah
Für meine Mutter
Das Schild an der Tür sagt deinen Namen.
Aber drinnen
wohnt eine Fremde.
Sie trägt deine Strickjacke.
Sie hat deine sanften, geäderten Hände.
Sie riecht nach der Seife von früher.
Und doch bist du nicht da.
Du sitzt am Bettrand.
Linoleum unter den Schuhen.
Der Geruch von Desinfektion und schwerem Tee.
Du siehst mich an.
Dein Blick wandert durch mich hindurch,
als wäre ich aus Glas.
Als wäre ich Luft.
„Wer sind Sie?“, fragen deine Augen.
Und in meiner Brust
stürzt eine ganze Kindheit ein.
Ich bin der Junge, den du getröstet hast.
Ich bin dein Fleisch und dein Blut.
Für dich bin ich heute: ein höflicher Besucher.
Deine Erinnerungen sterben.
Nicht wie ein Baum, der fällt.
Sondern wie Blätter, die der Wind holt.
Eins nach dem anderen.
Erst die Namen.
Dann die Jahre.
Am Ende ich.
Dein Körper ist hier.
Achtundachtzig Jahre schwer.
Aber deine Seele zieht schon voraus.
Sie geht im Nebel spazieren.
Ich halte deine Hand.
Sie hält nicht zurück.
Sie liegt nur da.
Wie ein vergessenes Geschenk.
Es heißt, man stirbt nur einmal.
Aber wer ein Elternteil verliert, das vergisst,
stirbt tausend kleine Tode,
bevor das Herz aufhört zu schlagen.
Ich lasse dich gehen.
Jeden Tag ein Stückchen mehr.
Du weißt nicht mehr, wer ich bin.
Aber keine Sorge, Mama.
Ich weiß es noch.
Und ich halte unsere Liebe für uns beide fest, bis du sicher drüben angekommen bist.
Leb wohl.
von Sam de Wenah
Für meine Mutter
Das Schild an der Tür sagt deinen Namen.
Aber drinnen
wohnt eine Fremde.
Sie trägt deine Strickjacke.
Sie hat deine sanften, geäderten Hände.
Sie riecht nach der Seife von früher.
Und doch bist du nicht da.
Du sitzt am Bettrand.
Linoleum unter den Schuhen.
Der Geruch von Desinfektion und schwerem Tee.
Du siehst mich an.
Dein Blick wandert durch mich hindurch,
als wäre ich aus Glas.
Als wäre ich Luft.
„Wer sind Sie?“, fragen deine Augen.
Und in meiner Brust
stürzt eine ganze Kindheit ein.
Ich bin der Junge, den du getröstet hast.
Ich bin dein Fleisch und dein Blut.
Für dich bin ich heute: ein höflicher Besucher.
Deine Erinnerungen sterben.
Nicht wie ein Baum, der fällt.
Sondern wie Blätter, die der Wind holt.
Eins nach dem anderen.
Erst die Namen.
Dann die Jahre.
Am Ende ich.
Dein Körper ist hier.
Achtundachtzig Jahre schwer.
Aber deine Seele zieht schon voraus.
Sie geht im Nebel spazieren.
Ich halte deine Hand.
Sie hält nicht zurück.
Sie liegt nur da.
Wie ein vergessenes Geschenk.
Es heißt, man stirbt nur einmal.
Aber wer ein Elternteil verliert, das vergisst,
stirbt tausend kleine Tode,
bevor das Herz aufhört zu schlagen.
Ich lasse dich gehen.
Jeden Tag ein Stückchen mehr.
Du weißt nicht mehr, wer ich bin.
Aber keine Sorge, Mama.
Ich weiß es noch.
Und ich halte unsere Liebe für uns beide fest, bis du sicher drüben angekommen bist.
Leb wohl.