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Feedback jeder Art All der Schmerz der Welt

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  • Schmuddelkind
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All der Schmerz der Welt

Ein Stein liegt schwer in meinem Magen,
das Loch der Seele ist so tief.
Von heut an werd‘ ich nichts mehr wagen,
ich spür die Geister, die ich rief.

Ein fremder Blick in meinem Spiegel,
zwei tote Augen, kalt und leer.
Ein Untergang mit Brief und Siegel,
der Schmerz der Welt wiegt heut so schwer.

Der Mensch ist wohl gemacht zum leiden,
ich seh ein halb verbranntes Land.
Die Angst muss sich nicht mehr verkleiden,
ich geb das Steuer aus der Hand.

Es liegt nicht nur das Herz in Trümmern,
es ist die Welt, die still zerbricht.
Es wird sich niemand um mich kümmern,
die Dunkelheit verdrängt das Licht.

Der Abgrund kommt ganz langsam näher,
es bebt der Weg bei jedem Schritt.
Der Rhythmus wird nun immer zäher,
ich komm allmählich nicht mehr mit.

Mein kleines Reich liegt jetzt in Scherben,
der Regen fällt, doch wäscht nichts rein.
Die Hoffnung fängt schon an zu sterben,
wann wird es jemals anders sein?


© Kerstin Mayer 2026​
 
Liebe Kerstin Mayer,

das ist ein Gedicht, das den Schmerz nicht dekoriert, sondern trägt –
bis in den Takt hinein. Der „Stein im Magen“ und das „Loch der Seele“
sind keine Metaphern zum Schmücken, die sind Zustände.
Und der Blick in den Spiegel mit den „toten Augen“:
das ist eine der härtesten Stellen, weil sie so nüchtern ist.

Sehr stark finde ich, wie du das Private ins Weltmaß kippst, ohne es groß zu erklären:
„nicht nur das Herz in Trümmern – die Welt, die still zerbricht.“ Genau da entsteht dieses Gefühl,
dass innen und außen gleichzeitig zerfallen, und man kaum noch unterscheiden kann, was zuerst brennt.

Und dann diese langsame Annäherung des Abgrunds, Schritt für Schritt, mit zäher werdendem Rhythmus –
als würde das Gedicht selbst schwerer atmen. Der Schluss ist brutal ehrlich: Regen, der nichts reinwäscht,
Hoffnung, die zu sterben beginnt.

Ein Text wie ein schwarzer Bericht aus dem Inneren –
klar, konsequent, ohne Ausweg-Zierat.


Notat:
Stein im Magen.
Loch in der Seele.
Trotzdem: Atem.
Trotzdem: ein Schritt.
Trotzdem: ein kleines Licht,
das nicht fragt, ob es darf.

LG, Driekes
 
Liebe Kerstin,

da bin ich baff! Wie du den Weltschmerz so nebenher in diese leichten Verse gefasst hast! Wahnsinn!😯

Besonders unter die Haut geht mir die Andeutung im vorletzten Vers, da die Hoffnung ja bekanntlich zuletzt stirbt. Wenn sie nun also schon mit dem Sterben beginnt, scheint es nicht mehr lang hin zu sein, bis alles andere stirbt - evtl. auch das LI (ergänzt durch eine zweite Andeutung, dass das LI das Steuer aus der Hand gibt). Natürlich sehr vage angedeutet und das macht hier den Reiz aus - das Ungewisse, das den Leser innehalten und nachdenken lässt; der Raum, den der Leser mit (seinem) Leben füllen kann.

Was mir auch gefällt: Im Großen und Ganzen ist der Text ziemlich hypotaktisch geschrieben und lässt trotz des Leides einen Wunsch nach zusammenhängendem Denken und einen gewissen Gedankenfluss erkennen. Hin und wieder fallen aber die Ellipsen auf, die ich so deute, dass das LI zuweilen nicht mal mehr die Kraft findet, seine Gedanken zu Ende zu denken, geschweige denn, sie auszuformulieren. Diese Details machen unterbewusst so viel der gut eingefangenen melancholischen Stimmung aus.

Handwerklich ist dein Gedicht ohnehin auf ganz hohem Niveau. Da bleibt mir nichts mehr, als meinen Hut zu ziehen.
Sehr gerne gelesen!

Liebe Grüße
Schmuddi
 
  • Schmuddelkind
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