Eine Geschichte zum Thema: "Wenn Wünsche Nebenwirkungen haben"
Der letzte Wunsch
Der letzte Wunsch
Heute regnet es schon den ganzen Tag, ein richtiges Aprilwetter.
Schneefall ist in dieser Zeit ebenso wahrscheinlich wie Sonnenschein.
Welchen Monat haben wir eigentlich?
Sie haben mir das Bett direkt vor das Fenster geschoben, so dass
ich den Himmel sehen kann. Langsam wird es Nacht, aber der Raum,
durch den Vollmond wie von Scheinwerferlicht ausgeleuchtet, ist
beinahe taghell. Meine Augen tasten jeden Winkel ab, suchen nach
Greifbarem. Dann endlich, als ich mühsam den Kopf wende, bleiben sie
an deinem Bild auf dem Nachtschrank hängen. Ein Foto und die Rückblicke
auf unser gemeinsames, erfülltes Leben sind mir von dir geblieben.
Wir wollten doch zusammen alt werden. Dieser Wunsch wurde dir nicht erfüllt.
Hochbetagt und gebrechlich liege ich schon seit längerem ans Krankenbett
gefesselt und schwelge in Erinnerungen. Besuch bekomme ich kaum mehr.
Die Pfleger geben sich große Mühe mich aufzuheitern, doch mir fehlt deine
Gesellschaft. Nach und nach sind alle Bekannten gegangen. Auch mein bester
Freund Erwin ist im letzten Sommer kurz nach seiner Frau verstorben. Sie war
ihm, was du mir warst, mein Edelstein, mein Lebenslicht.
Ich bin müde, finde aber keinen Schlaf. Meine Gedanken kreisen und gehen
gemeinsam mit der Phantasie auf Reisen. Ich verlasse, wie von Geisterhand
getragen, das Zimmer und finde mich mit dir, Liebling, auf der Wiese hinter
unserem Haus wieder. Wir pflücken Blumen, scherzen, lachen und laufen
Hand in Hand dem Horizont entgegen. Es ist absurd, ich sehe dich in
einem Mohnblumenkleid, welches du nie besessen hast und habe sogleich
den Duft von Mohn in der Nase. Diese ist so ziemlich das Einzige, was mir
im Alter noch zu gehorchen scheint. Ach, wie gern würde ich dir in diesem
Moment nachfolgen. Aber bald, Schatz, sehr bald werden wir uns in den
Armen halten. Altwerden ist eben nichts für Feiglinge, jedoch nicht alt
zu werden, ist auch nie das erklärte Ziel gewesen.
Ich muss doch für ein paar Stunden weggedämmert sein, als mich der Pfleger
in der Frühe mit den Worten begrüßt: "Guten Morgen Alfred, haben sie gut geschlafen?", versuche ich ein Lächeln und nicke ihm zu. "Es ist alles genauso vorbereitet, wie sie es sich für heute gewünscht haben", meint er, deutet auf das kleine Fläschchen in seiner Hand, stellt es auf den Nachtschrank und schließt leise hinter sich die Tür. Mühsam greife ich die Flasche, leere sie in einem Zug und falle kurze Zeit später in den ersehnten tiefen Schlaf.
Schneefall ist in dieser Zeit ebenso wahrscheinlich wie Sonnenschein.
Welchen Monat haben wir eigentlich?
Sie haben mir das Bett direkt vor das Fenster geschoben, so dass
ich den Himmel sehen kann. Langsam wird es Nacht, aber der Raum,
durch den Vollmond wie von Scheinwerferlicht ausgeleuchtet, ist
beinahe taghell. Meine Augen tasten jeden Winkel ab, suchen nach
Greifbarem. Dann endlich, als ich mühsam den Kopf wende, bleiben sie
an deinem Bild auf dem Nachtschrank hängen. Ein Foto und die Rückblicke
auf unser gemeinsames, erfülltes Leben sind mir von dir geblieben.
Wir wollten doch zusammen alt werden. Dieser Wunsch wurde dir nicht erfüllt.
Hochbetagt und gebrechlich liege ich schon seit längerem ans Krankenbett
gefesselt und schwelge in Erinnerungen. Besuch bekomme ich kaum mehr.
Die Pfleger geben sich große Mühe mich aufzuheitern, doch mir fehlt deine
Gesellschaft. Nach und nach sind alle Bekannten gegangen. Auch mein bester
Freund Erwin ist im letzten Sommer kurz nach seiner Frau verstorben. Sie war
ihm, was du mir warst, mein Edelstein, mein Lebenslicht.
Ich bin müde, finde aber keinen Schlaf. Meine Gedanken kreisen und gehen
gemeinsam mit der Phantasie auf Reisen. Ich verlasse, wie von Geisterhand
getragen, das Zimmer und finde mich mit dir, Liebling, auf der Wiese hinter
unserem Haus wieder. Wir pflücken Blumen, scherzen, lachen und laufen
Hand in Hand dem Horizont entgegen. Es ist absurd, ich sehe dich in
einem Mohnblumenkleid, welches du nie besessen hast und habe sogleich
den Duft von Mohn in der Nase. Diese ist so ziemlich das Einzige, was mir
im Alter noch zu gehorchen scheint. Ach, wie gern würde ich dir in diesem
Moment nachfolgen. Aber bald, Schatz, sehr bald werden wir uns in den
Armen halten. Altwerden ist eben nichts für Feiglinge, jedoch nicht alt
zu werden, ist auch nie das erklärte Ziel gewesen.
Ich muss doch für ein paar Stunden weggedämmert sein, als mich der Pfleger
in der Frühe mit den Worten begrüßt: "Guten Morgen Alfred, haben sie gut geschlafen?", versuche ich ein Lächeln und nicke ihm zu. "Es ist alles genauso vorbereitet, wie sie es sich für heute gewünscht haben", meint er, deutet auf das kleine Fläschchen in seiner Hand, stellt es auf den Nachtschrank und schließt leise hinter sich die Tür. Mühsam greife ich die Flasche, leere sie in einem Zug und falle kurze Zeit später in den ersehnten tiefen Schlaf.
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