Der Wehrmann Teil 1 von 3
Nun ist man endlich neunzehn geworden und hat die Schnauze von Schule und Elternhaus so ziemlich voll. Sich freiwillig zum Heer zu melden, scheint zu diesem Zeitpunkt die einzige, zwar nicht attraktivste, doch immerhin realistischste Methode, um sich der Umklammerung durch diese Instanzen zu entziehen, und weil man ja doch irgendwann einmal dorthin muss. Der Herr Vater ist erstaunt jedoch machtlos gegen diesen Entschluss, sollte man doch vorher das Gymnasium beenden. Schließlich aber wird man in den Zug gesetzt, der einen in Richtung Kaserne befördern soll.
Nun also ist der Tag gekommen, an dem man plötzlich Wehrmann ist. In gewissem Sinne war man eigentlich immer schon Wehrmann, denn man hatte sich stets gegen alles erfolgreich gewehrt, was mit Frühaufstehen, Disziplin und geregeltem Tagesablauf in Verbindung zu bringen war, doch diesmal liegt der Fall anders. Es scheint Kalkül dahinter.
Da stehen sie nun herum. Ein wilder Haufen junger Männer, aus allen Gegenden des Landes. Eine Kaserne weit außerhalb der Zivilisation. Auf Dächern langgezogener Gebäude sind große rote Kreuze in weißen runden Feldern auf Dachziegel gemalt. Ein Wachtmeister, komischer Vogel, mit schiefem Lächeln und wenig Grips unter der Mütze, kommandiert: ab zur Kleiderkammer. Die Ärmel sind zu lang. Hände abbiegen. Passt! Man kriegt vom Hemd bis zu den Schuhen alles, und alles ist zu groß. Strapazschuhe, Lauflernschuhe genannt, Schaftstiefel. Warten. Mittagessen. Warten. Eines der Hauptvokabeln ist -mäßig. Es heißt gefechtsmäßig, vorschriftsmäßig.
Am Nachmittag geht´s hinaus in den Hof, zum Exerzieren. Das ist wichtig, denn bisher konnte man ja kaum richtig gehen, wird erklärt. Davor aber Grüßen lernen. Die Hand an die Schirmmütze, Füße zusammen. Einer fragt, bitte die Hand tangential an die Schirmkante anlegen? Der Vogel versteht nicht. Was soll das heißen, tangential? Ist wohl ein Mathematiker darunter? Dann: Habt Acht! Vergatterung! Was wird gewollt? Ach so, man bildet vier Reihen, jede Reihe ist ein Glied. Gelächter. Ruh im Glied, schreit der Vogel. Dann setzt sich der Zug, die vier Reihen sind also ein Zug, in Bewegung. Im Schriiiiiitt! Das Ganze links, a links a links zwo drei vier, kräht der Wachtmeister. Rechts. Richtung geradeaus. Dann halbrechts. Die vier an der vordersten Reihe biegen sofort ab, in die Rosensträucher am Grünstreifen. Idioten, brüllt der Vogel, erst dort vorne, an der Wegbiegung! Wer soll das wissen? Also rückwärts Marsch. Die Gruppe setzt zurück, schwerfällig wie ein Lkw. Wachtmeister Vogel ist schon über vierzig und hat drei silberne Plastiksterne und einen Balken am Revers und ist schon oft degradiert worden, weil er so schlampig ist. In der Kantine grüßen ihn die jungen Korporäle mit guten Morgen, Herr Hauptmann. Dann wird er grantig, der Vogel. Aber einer der Korporäle entschuldigt sich und sagt, Verzeihung, die Sonne, ich hab geglaubt, es sind drei goldene, und alle lachen. Vogel wird rot und brüllt, halten S‘ Ihr Maul.
Die Tage vergehen. Immer derselbe Trott. Man hat Glück und wird nicht Mannschafts-Vieh, sondern Kompanieschreiber. Das ist sehr praktisch, denn es erspart einem das Mitmachen bei Nachtübungen und sonstige Schikanen. Der Spieß, Offizier-Stellvertreter Bindl, ist ein rauer Bursche, aber in der Schreibstube relativ zahm. Immer in Uniform fällt man nicht besonders auf. Bis man eines Tages beim Ausgang gesehen wird, mit Wollmütze und Dufflecoat, Jeans in braunen Lederstiefeln. Sie seh‘n ja aus wie ein Kanak‘, ruft der Spieß hinterher. Beim Morgenappell stellt er sich breitbeinig vor die stramm stehende Kompanie und brüllt: Noch was, ich war gestern auf Ihrem Scheißhaus brunzen. Dort schaut es aus wie in einem Bauernscheißhaus. Da gibt es offenbar sogenannte Kunstscheißer. Die scheißen nicht in die Schüssel, sondern auf die Wand. Gelächter. Maulhalten! So also ist das bei der Armee.
Da ist noch der Kompaniekommandant, der Hauptmann Himmelhund, weil er die Truppe immer mit „Himmelhunde“ begrüßt. Sonderbarer Mensch. Immer in Schaftstiefeln, Hände auf dem Rücken, die Mannschaft musternd. Einer hinterm anderen. Decken Sie Ihren Vordermann, heißt es. Sonst ist er recht wortkarg. Er hat aber etwas Überhebliches in seinen Augen. Sieht auf seine Unteroffiziere von oben herab.
Seit Wochen ist Verbandslehre angesagt. Sanitäter müssen üben und nochmals üben, sagt er. In einem der Lehrsäle wird soeben ein Gerät zum Wasserfiltern zusammengebaut. Zwischendurch kontrolliert der Himmelhund immer wieder den Fortschritt der einzelnen Gruppen. Kaum ist der Wasserfilter betriebsbereit, inspiziert der Himmelhund auch schon die Wasserqualität. Herschaun!, sagt er. Den Mistkübel her, Aschenbecher auch! Er leert alles in den Trichter über dem Gerät. Einschalten, sagt er barsch zu einem Ausbildner. Sehen Sie, und hält das Glas gegen das Licht, ganz klar, obwohl es trüb zu sein scheint. Er trinkt und spuckt das Wasser sofort wieder aus. Verdammt! Himmelhunde! Man hat vergessen, die Filter einzubauen. Der Ausbildner kann sich was anhören.
Die Zimmerbelegschaft ist akzeptabel. Sogar ein Schulkollege aus dem eigenen Ort ist dabei. Franz. Franz hält es nicht so genau mit seinem Spind. Spindkontrolle. Jeder muss sich davor hinstellen und sagen: Das ist der Spind des Wehrmannes soundso. Ihr Nachthemd, sagt der Unteroffizier zu Franz, das müssen Sie nachteeren, da kommt das Weiße durch. In den Laden liegen geöffnete Konservendosen herum. Ein paar weiße Maden kriechen auf dem Blechrand. Das gibt ein Nachspiel. Wochenende gestrichen. Spind in Ordnung bringen. Aber Franz ist ein guter Mensch. Als man sturzbetrunken aus dem Bett fällt, trägt er einen auf Händen zur Toilette, zum Übergeben. Das macht ihn unvergesslich.
Ein anderer ist beinahe dreißig, Anthroposoph oder so ähnlich, hat ein Doktorat. Erwin. Er ist schon verheiratet und darf zu Hause schlafen. Man beneidet ihn. Erwin wird zum ständigen persönlichen Begleiter im Lehrsaal, wegen des Schreibstubendienstes jedoch selten auf dem Felde, oder zumindest nur bei wichtigen Übungen, bei denen jeder dabei sein muss, auch der Kompanieschreiber. Erwin erklärt einem die Welt neu. Schließlich ist man auf dem Lande groß geworden. Erwin ist bei einer schlagenden Studentenverbindung. Er hat eine Narbe über dem Auge. Das ist ein Schmiss, sagt er, und erzählt den staunenden Zimmergenossen, wie das so ist, bei einem Degenkampf.
In den Lehrsaal geht man in Lehrsaaladjustierung, lehrsaalmäßig, das heißt, ohne Krawatte.
Beim Gefechtsdienst trägt man Krawatte. So einfach ist das. Hin und wieder macht man Dienst mit der Waffe. Die Waffe hat stets eingeölt zu sein, wird einem eingeimpft. Neben dem Lehrsaal ist eine Kantine. In den Pausen trinkt man weißen Spritzer. Erwin hebt sein Glas und ruft, streng nach Vorschrift, leicht einölen. Gegen Mittag sind alle betrunken. Die Stimmung ist gut. Der Ausbildner wirft, um Zeit zu sparen, jedem Rekruten eine Rolle Verbandsmull zu, bis hinten in die letzte Reihe, für das Üben von Übungsverbänden. Man übt Kornähren. Am Bein, an der Hand, am Arm. Mit dem Dreieckstuch macht man sich Kopftücher.
Die Stimmung wird nach jeder Pause ausgelassener. Leicht einölen! Jawoll, gefechtsmäßig einölen!, grinst man sich an. Am Ende der Stunde werden die Faschen wieder eingesammelt. Alle werfen die Rollen nach vorne, die sich während des Fluges in der Luft von alleine entrollen und ineinander verheddern. Tobendes Gelächter. Der Lehrsaal sieht aus wie im Fasching. Der Ausbildner ist machtlos, brüllt etwas von ordentlich aufrollen, aber niemand kümmert sich darum. Übermütige werfen noch zusätzlich aufgehobenes Verbandszeug nach vorn, um das Spektakel noch zu steigern.
Nun ist man endlich neunzehn geworden und hat die Schnauze von Schule und Elternhaus so ziemlich voll. Sich freiwillig zum Heer zu melden, scheint zu diesem Zeitpunkt die einzige, zwar nicht attraktivste, doch immerhin realistischste Methode, um sich der Umklammerung durch diese Instanzen zu entziehen, und weil man ja doch irgendwann einmal dorthin muss. Der Herr Vater ist erstaunt jedoch machtlos gegen diesen Entschluss, sollte man doch vorher das Gymnasium beenden. Schließlich aber wird man in den Zug gesetzt, der einen in Richtung Kaserne befördern soll.
Nun also ist der Tag gekommen, an dem man plötzlich Wehrmann ist. In gewissem Sinne war man eigentlich immer schon Wehrmann, denn man hatte sich stets gegen alles erfolgreich gewehrt, was mit Frühaufstehen, Disziplin und geregeltem Tagesablauf in Verbindung zu bringen war, doch diesmal liegt der Fall anders. Es scheint Kalkül dahinter.
Da stehen sie nun herum. Ein wilder Haufen junger Männer, aus allen Gegenden des Landes. Eine Kaserne weit außerhalb der Zivilisation. Auf Dächern langgezogener Gebäude sind große rote Kreuze in weißen runden Feldern auf Dachziegel gemalt. Ein Wachtmeister, komischer Vogel, mit schiefem Lächeln und wenig Grips unter der Mütze, kommandiert: ab zur Kleiderkammer. Die Ärmel sind zu lang. Hände abbiegen. Passt! Man kriegt vom Hemd bis zu den Schuhen alles, und alles ist zu groß. Strapazschuhe, Lauflernschuhe genannt, Schaftstiefel. Warten. Mittagessen. Warten. Eines der Hauptvokabeln ist -mäßig. Es heißt gefechtsmäßig, vorschriftsmäßig.
Am Nachmittag geht´s hinaus in den Hof, zum Exerzieren. Das ist wichtig, denn bisher konnte man ja kaum richtig gehen, wird erklärt. Davor aber Grüßen lernen. Die Hand an die Schirmmütze, Füße zusammen. Einer fragt, bitte die Hand tangential an die Schirmkante anlegen? Der Vogel versteht nicht. Was soll das heißen, tangential? Ist wohl ein Mathematiker darunter? Dann: Habt Acht! Vergatterung! Was wird gewollt? Ach so, man bildet vier Reihen, jede Reihe ist ein Glied. Gelächter. Ruh im Glied, schreit der Vogel. Dann setzt sich der Zug, die vier Reihen sind also ein Zug, in Bewegung. Im Schriiiiiitt! Das Ganze links, a links a links zwo drei vier, kräht der Wachtmeister. Rechts. Richtung geradeaus. Dann halbrechts. Die vier an der vordersten Reihe biegen sofort ab, in die Rosensträucher am Grünstreifen. Idioten, brüllt der Vogel, erst dort vorne, an der Wegbiegung! Wer soll das wissen? Also rückwärts Marsch. Die Gruppe setzt zurück, schwerfällig wie ein Lkw. Wachtmeister Vogel ist schon über vierzig und hat drei silberne Plastiksterne und einen Balken am Revers und ist schon oft degradiert worden, weil er so schlampig ist. In der Kantine grüßen ihn die jungen Korporäle mit guten Morgen, Herr Hauptmann. Dann wird er grantig, der Vogel. Aber einer der Korporäle entschuldigt sich und sagt, Verzeihung, die Sonne, ich hab geglaubt, es sind drei goldene, und alle lachen. Vogel wird rot und brüllt, halten S‘ Ihr Maul.
Die Tage vergehen. Immer derselbe Trott. Man hat Glück und wird nicht Mannschafts-Vieh, sondern Kompanieschreiber. Das ist sehr praktisch, denn es erspart einem das Mitmachen bei Nachtübungen und sonstige Schikanen. Der Spieß, Offizier-Stellvertreter Bindl, ist ein rauer Bursche, aber in der Schreibstube relativ zahm. Immer in Uniform fällt man nicht besonders auf. Bis man eines Tages beim Ausgang gesehen wird, mit Wollmütze und Dufflecoat, Jeans in braunen Lederstiefeln. Sie seh‘n ja aus wie ein Kanak‘, ruft der Spieß hinterher. Beim Morgenappell stellt er sich breitbeinig vor die stramm stehende Kompanie und brüllt: Noch was, ich war gestern auf Ihrem Scheißhaus brunzen. Dort schaut es aus wie in einem Bauernscheißhaus. Da gibt es offenbar sogenannte Kunstscheißer. Die scheißen nicht in die Schüssel, sondern auf die Wand. Gelächter. Maulhalten! So also ist das bei der Armee.
Da ist noch der Kompaniekommandant, der Hauptmann Himmelhund, weil er die Truppe immer mit „Himmelhunde“ begrüßt. Sonderbarer Mensch. Immer in Schaftstiefeln, Hände auf dem Rücken, die Mannschaft musternd. Einer hinterm anderen. Decken Sie Ihren Vordermann, heißt es. Sonst ist er recht wortkarg. Er hat aber etwas Überhebliches in seinen Augen. Sieht auf seine Unteroffiziere von oben herab.
Seit Wochen ist Verbandslehre angesagt. Sanitäter müssen üben und nochmals üben, sagt er. In einem der Lehrsäle wird soeben ein Gerät zum Wasserfiltern zusammengebaut. Zwischendurch kontrolliert der Himmelhund immer wieder den Fortschritt der einzelnen Gruppen. Kaum ist der Wasserfilter betriebsbereit, inspiziert der Himmelhund auch schon die Wasserqualität. Herschaun!, sagt er. Den Mistkübel her, Aschenbecher auch! Er leert alles in den Trichter über dem Gerät. Einschalten, sagt er barsch zu einem Ausbildner. Sehen Sie, und hält das Glas gegen das Licht, ganz klar, obwohl es trüb zu sein scheint. Er trinkt und spuckt das Wasser sofort wieder aus. Verdammt! Himmelhunde! Man hat vergessen, die Filter einzubauen. Der Ausbildner kann sich was anhören.
Die Zimmerbelegschaft ist akzeptabel. Sogar ein Schulkollege aus dem eigenen Ort ist dabei. Franz. Franz hält es nicht so genau mit seinem Spind. Spindkontrolle. Jeder muss sich davor hinstellen und sagen: Das ist der Spind des Wehrmannes soundso. Ihr Nachthemd, sagt der Unteroffizier zu Franz, das müssen Sie nachteeren, da kommt das Weiße durch. In den Laden liegen geöffnete Konservendosen herum. Ein paar weiße Maden kriechen auf dem Blechrand. Das gibt ein Nachspiel. Wochenende gestrichen. Spind in Ordnung bringen. Aber Franz ist ein guter Mensch. Als man sturzbetrunken aus dem Bett fällt, trägt er einen auf Händen zur Toilette, zum Übergeben. Das macht ihn unvergesslich.
Ein anderer ist beinahe dreißig, Anthroposoph oder so ähnlich, hat ein Doktorat. Erwin. Er ist schon verheiratet und darf zu Hause schlafen. Man beneidet ihn. Erwin wird zum ständigen persönlichen Begleiter im Lehrsaal, wegen des Schreibstubendienstes jedoch selten auf dem Felde, oder zumindest nur bei wichtigen Übungen, bei denen jeder dabei sein muss, auch der Kompanieschreiber. Erwin erklärt einem die Welt neu. Schließlich ist man auf dem Lande groß geworden. Erwin ist bei einer schlagenden Studentenverbindung. Er hat eine Narbe über dem Auge. Das ist ein Schmiss, sagt er, und erzählt den staunenden Zimmergenossen, wie das so ist, bei einem Degenkampf.
In den Lehrsaal geht man in Lehrsaaladjustierung, lehrsaalmäßig, das heißt, ohne Krawatte.
Beim Gefechtsdienst trägt man Krawatte. So einfach ist das. Hin und wieder macht man Dienst mit der Waffe. Die Waffe hat stets eingeölt zu sein, wird einem eingeimpft. Neben dem Lehrsaal ist eine Kantine. In den Pausen trinkt man weißen Spritzer. Erwin hebt sein Glas und ruft, streng nach Vorschrift, leicht einölen. Gegen Mittag sind alle betrunken. Die Stimmung ist gut. Der Ausbildner wirft, um Zeit zu sparen, jedem Rekruten eine Rolle Verbandsmull zu, bis hinten in die letzte Reihe, für das Üben von Übungsverbänden. Man übt Kornähren. Am Bein, an der Hand, am Arm. Mit dem Dreieckstuch macht man sich Kopftücher.
Die Stimmung wird nach jeder Pause ausgelassener. Leicht einölen! Jawoll, gefechtsmäßig einölen!, grinst man sich an. Am Ende der Stunde werden die Faschen wieder eingesammelt. Alle werfen die Rollen nach vorne, die sich während des Fluges in der Luft von alleine entrollen und ineinander verheddern. Tobendes Gelächter. Der Lehrsaal sieht aus wie im Fasching. Der Ausbildner ist machtlos, brüllt etwas von ordentlich aufrollen, aber niemand kümmert sich darum. Übermütige werfen noch zusätzlich aufgehobenes Verbandszeug nach vorn, um das Spektakel noch zu steigern.