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Drahtkommode
Ungemach steckt schon im Namen,
Bösendorfer, mit Stahlrahmen.
Schwarz und mächtig anzusehen,
für mich gebaut zum Untergeh’n.

Für die Erzeugung, als Garanten,
sterben dafür Elefanten.
Darauf ist man auch noch stolz.
Fallen Tiere wie auch Wälder,
Elfenbein und Ebenholz!
Weit geöffnet steht sein Maul.
Hast geübt oder warst faul?
Achtundachtzig Tasten gieren
nach den Fingern, die sich zieren,
sie ganz leicht nur zu berühren,
bloß jetzt keine falsche Note,
denn wer weiß, vielleicht gibt’s Tote?

Klavier, du Tier!
Wenn ich an dich d8enke,
zittern mir die Handgelenke,
zittern mir die Knie!
Doch auf dir spielen
wollt’ ich nie!
Ich schwör’s. Tu ich’s wieder,
wär’s pervers.

Sitz ich auf der Folterbank,
kramt die Lehrerin im Schrank.
Sucht nach einem Lineal
aus Holz, von anno dazumal.

Rammt es mir dann voll Entzücken,
wenn ich krumm sitz, in den Rücken.
Der Deckel auf die Finger knallt,
wutentbrannt und killerkalt.
Spielt man eine falsche Note,
gibt’s was auf die kleine Pfote.

Die Träne quillt,
die Nase rinnt,
Klaviermusik erfreut das Kind.

So billig kommt man nicht davon,
die Lehrerin spielt den Talon.
Du erkennst den jähen Schmerz,
und was weh tut, ist kein Scherz.
Gleich in Wirkung, allerort,
wenn sich der Pfahl ins Fleisch reinbohrt.

Hängt die Hand zu weit nach unten,
wird dagegen was gefunden
und des Bleistifts spitzes Ende
bohrt sich in des Schülers Hände.
Flugs hebt sich das Händchen wieder,
Tasten klappern auf und nieder.
Korrekte Stellung wieder da!
Sine misericordia.8

Alljährlich steh’n aus bestem Hause
Söhne wie auch Töchter an,
sich im Wettbewerb zu üben,
wer’s besser und noch schneller kann.

Erstaunlich klingt mir eine Kunde,
beim Klavierspiel zum Befunde,
es demnach nicht nötig wär,
und schon gar nicht hinterher,
einem Mädchen voller Lust,
von hinten an die Brust zu fassen,
denn das wär zu unterlassen.

Ein so bedeutendes Ergebnis
ist mitnichten ein Erlebnis.
Wenn man dafür einen bestellt,
der die Sache erst erhellt.
Einen Professor für Klavier
braucht es für die Sache hier.
Unter Eid, dass ich nicht lache,
als Verständigen der Sache.

Das Drama dieser Episode
um den Wert der Drahtkommode
endet hiermit mit dem Schluss,
dass man vieles kann, nicht muss.

Wie auch immer,
ich spiel nimmer,
nicht con brio, bloß sordino
oder tacet, mihi placet.
 
Hallo, Norbert,

so wie du hier beschrieben, hab ich den obligatorischen Klavierunterricht an der Musikschule in M. zwischen 1949 und 1955 erlitten, bis ich in diesem Jahr nicht mehr wollte und konnte.

Ich gründete im gleichen Jahr meine erste Jazz-Combo und hatte von dieser Zeit an viel Freude mit Dixieland, neuem Swing und Cool-Jazz, später mit lateinamerikanischen Themen und Rhythmen. Noch heute übe ich zweimal in der Woche mit einem begabten Bassisten und Gitarristen aus England. Die Freude dauert an, Improvisation ist mittlerweile zum Dialog ohne verbale Verständigung geworden. Auch die Klassik kommt wieder zu ihrem Recht. Ich lerne in sie hinein hören und ihre emotionale Ausdrucksvielfalt und-kraft tiefer zu verstehen.

Herzlichen Dank für Deinen erinnerungsöffnenden Beitrag!

Sonnige Grüße aus dem Schwarzwald
Carolus
 
Moin @Norbert,

„Drahtkommode“ ist ein Treffer als Titel:
sofort ist das Klavier kein edles Möbel mehr, sondern ein schwarzes Gerät –
Stahlrahmen, Maul, Zähne. Und dann ziehst du das konsequent durch:
erst die Material-Schuld (Elfenbein/Ebenholz), dann die alte Pädagogik-Schuld
'(Lineal, Deckel, Bleistiftspitze) – ein Kulturstück, das auf Druck und Angst gestimmt ist.

Was mir gefällt: Du machst daraus keine wehleidige Erinnerung,
sondern Satire mit Widerhaken. Die lateinischen Brocken und Spielanweisungen
(„sine misericordia“, „con brio“, „tacet“) wirken wie ein Würde-Mantel –
und darunter knallt’s umso deutlicher. Auch die „Professor“-Passage ist böse gut:
das Offensichtliche wird erst amtlich gemacht, statt einfach Anstand zu haben.

Und der Schluss sitzt: dass man vieles kann, nicht muss.

Non omnia quae possumus, debemus.

Gern gelesen

LG. Driekes
 
Hallo!

Üblicherweise haben nur alte Klaviere (vor 1950) Tasten aus Elfenbein. Neuere Instrumente natürlich nicht mehr. Vielleicht ist die Klavierschule aber auch schon entsprechend alt. Und die Lehrerin auch.
Das Handeln mit den Instrumenten ist ohne Handelserlaubnis für das Elfenbein verboten - man bekommt die also irgendwie auch schlecht los. Häufig sind so alte Klaviere leider Schrott. Man ist allerdings verpflichtet, so ein Instrument zu nutzen, wenn es schon aus Elfenbein hergestellt wurde und bei einem steht. Na dann ran und üben.
 
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