Aktuelles
Gedichte lesen und kostenlos veröffentlichen auf Poeten.de

Poeten.de ist ein kreatives Forum und ein Treffpunkt für alle, die gerne schreiben – ob Gedichte, Geschichten oder andere literarische Werke. Hier kannst du deine Texte mit anderen teilen, Feedback erhalten und dich inspirieren lassen. Um eigene Beiträge zu veröffentlichen und aktiv mitzudiskutieren, ist eine Registrierung erforderlich. Doch auch als Gast kannst du bereits viele Werke entdecken. Tauche ein in die Welt der Poesie und des Schreibens – wir freuen uns auf dich! 🚀

Feedback jeder Art Fin de siècle

Hier gelten keine Vorgaben mit Ausnahme der allgemeinen Forenregeln.
  • Chilicat
    letzte Antwort
  • 4
    Antworten
  • 32
    Aufrufe
  • Teilnehmer
Unter der Dusche denke ich wieder an die Bombe. Nicht aus Paranoia.
Eher aus Gewohnheit. Ein Gedanke, der wie ein Reflex durch den Dampf fährt.
Ich trete heraus, spähe aus dem Fenster.

Kein rosa Pilz.

Nur ein Morgen, der so tut, als sei er unschuldig.

Ich rubbele mir die Haare trocken, setze mich auf den Hocker und lasse das Handtuch
über mein Gesicht fallen. Sofort wird es stiller. Wärmer. Weicher. Fast pränatal.
Ein kleiner Innenraum aus Frottee, Weichspüler und feuchter Haut.

Hier drinnen ist die Welt erträglich.
Hier haben Schuldgefühle stumpfere Zähne.
Hier kann ich mir sogar eingestehen, dass ich ein privilegierter weißer Westeuropäer
bin, ohne sofort an Hungerbilder, rechte Parolen oder das Ende der Menschheit denken zu müssen.

Unten läuft das Radio
Meine Frau hat weniger Ärger mit existenziellen Qualen. Sie ist ein Fels. Oder besser:
ein Stein im Fluss. Von Wasser umspült, aber nicht fortgerissen.

Thaléne nenne ich sie manchmal, wenn ich zu viel getrunken habe.

Seit dem 31. Dezember 1999.

Damals, beim letzten Glockenschlag des Jahrhunderts, wurde mir plötzlich das schwarze Loch bewusst. Das Ende. Nicht nur das Ende eines Jahres, sondern dieses ganze Fin-de-siècle-Loch, in das Körper, Geist und Anstand gleichzeitig hineingesogen wurden.

Ich stand unter einem hässlichen vierarmigen Kronleuchter. Über uns hing ein schon welkender Mistelzweig. Um uns herum lachten Leute mit Sektgläsern, als hätte sich
die Zeit nicht gerade verschluckt.

Da klammerte ich mich an meine Frau.

„Thaléne“, sagte ich.

Dann noch einmal.

Und noch einmal.

Wohl zwanzigmal, bis die anderen Gäste nervös wurden.

Ich weiß bis heute nicht genau, woher das Wort kam. Vielleicht aus dem Taumel. Vielleicht aus Angst. Peinlich, gewiss. Aber wahr. Es setzte sich in meine Brust
und ging nicht mehr fort.

Meine Frau sprach danach einen Monat nicht mit mir.
Unsere besten Freunde ließen sich eine Weile nicht mehr blicken.

Einer nach dem anderen kamen sie später zurück, meistens um ihren Geburtstag herum, und taten so, als wollten sie der alten Zeiten wegen die Freundschaft erneuern. Mir war nicht danach. Aber meiner Frau zuliebe ertrug ich ihre Besuche. Auch diese schiefen, gönnerhaften Grinser, wenn sie fragten, ob ich „wieder besser drauf“ sei.

Ich schüttele die Erinnerung ab und lege mir das Handtuch über die Schultern.

Zeit, die Ärmel hochzukrempeln.

Wenn ich den Artikel für die Zeitung noch rechtzeitig fertig haben will,
muss ich mich beeilen. Ich greife nach dem Klopapier. Wenn der Wichtige
Gedanke kommt, will ich bereit sein.

Verdammt.

Der Stift.

Vergessen.

Mein Blick fällt auf den Lippenstift meiner Frau. Er liegt in der Seifenschale, als hätte
ihn das Schicksal persönlich dort abgelegt. Ich nehme ihn, schraube die Kappe ab und warte.

Dann spreche ich die ersten Zeilen aus Dantes Inferno. Mein altes Ritual.

Nel mezzo del cammin di nostra vita
mi ritrovai per una selva oscura
ché la diritta via era smarrita


Gestern führte das dazu, dass vor meinem inneren Auge Gina Lollobrigida als
tropfende Nymphe aus dem Wasser stieg. Ich weiß nicht mehr, in welchem Film.
Aber sie stieg. Und wie.

Heute: nichts.

Nur ein Badezimmer. Ein Hocker. Ein feuchter Mann. Ein Lippenstift, der trocken klickt.

Typisch für mich. Gerade wenn es darauf ankommt, ist das Ding fast leer.

Das Thema darf ich nicht mehr erwähnen. Der Verleger war deutlich.

„Noch so ein Scheißartikel über diese Scheißbombe, und du fliegst.“

Nicht subtil, aber deutlich.

Die Bombe ist also tabu. Endgültig out.

Aber worüber schreibt man, wenn man weiß, dass alles bald endet?
Wenn das Haus brennt, jammert man doch auch nicht über einen tropfenden Wasserhahn. Gut, ich gebe meinem Chef seinen Willen. Von Luft allein lebt man nicht. Brot muss auf den Tisch. Auch wenn es bald kein Brot mehr geben wird. Die Luft vermutlich auch nicht. Jedenfalls keine brauchbare.

STOPP.

Nicht daran denken.

Der Job.

Mein Job.

Als ob das dann noch irgendeine Bedeutung hätte.

Ich massiere meine Stirn mit kreisenden Daumenbewegungen.
Krümme die Zehen, um die Durchblutung anzuregen.
Schreibe ein paar Worte auf ein Stück rosa Klopapier. Sie sehen erbärmlich aus.

Worüber also?

Etwas Schönes. Etwas Harmloses. Meine Frau zum Beispiel.

Ein Artikel über meine Frau würde einschlagen wie — nein. Falsches Bild.

Aber meinem Chef würde das gefallen. Auf der letzten Feier konnte er die
Augen nicht von ihr lassen. Der Geck. Ich hatte ihr noch gesagt, sie sei aus
dem Kleid herausgewachsen. Natürlich zog sie es trotzdem an.

Vermutlich habe ich nur wegen dieses Kleides noch Arbeit.

Trotzdem wurmt es mich.

Gut, sie hatte Geburtstag. Aber musste er deshalb seine Zunge so tief in
ihren Mund stecken? Musste seine Hand wirklich über Rundungen wandern,
die normalerweise mir vorbehalten sind? Glaubte er, sich alles erlauben zu können,
nur weil er Honorare bewilligt und schlechte Zigarren raucht?

Mein erster Impuls war, ihn wegzureißen und windelweich zu prügeln.

Mein zweiter Impuls war müder.

Wozu Besitz, wenn bald alles verglüht?

Dieses Kleid.

Meine Frau.

Mein Chef.

Ich.

Der ganze verdammte Planet.

Ein Schauer läuft mir über den Rücken.

Das Handtuch fällt.

In diesem Moment fällt die Bombe.

Ich bleibe ruhig. Von meinem Hocker aus sehe ich den Pilz im Fenster aufsteigen.
Genau so, wie ich ihn mir immer vorgestellt habe. Rosa. Fast zart. Wie das Festkleid meiner Frau, wenn es sich beim Drehen hebt.

Der Lippenstift fällt mir aus der Hand.

Das rosa Klopapier auch.

Oje, denke ich, ein Fleck auf dem Boden.

Dann fällt mir ein, dass das kein würdiger letzter Gedanke ist.

Ich sammle mich.

Jetzt muss er kommen.

Der Wichtige Gedanke.

Das Würdige Ende.

Und tatsächlich: Für einen Lichtblitz lang sind wir alle gleich.
Dante, Vergil,mein Chef, meine Frau, ich. Kein Rang mehr.
Kein Werk. Kein Kleid. Kein Besitz. Nur Fleisch im Licht.

Einen unteilbaren Moment lang begreife ich die Einheit aller Dinge.

Und mitten darin glimmt noch einmal dieses Wort aus jener Nacht:

Thaléne.

Mein Halt im Sturz.

„Beeil dich!“, ruft meine Frau von unten. „Du kommst noch zu spät!“

Wusch.

Der Pilz zerplatzt.

Die Welt kehrt zurück.

Ich sitze im Bad, nackt, feucht und unsterblich für höchstens weitere fünf Minuten.

Gelassen falte ich das rosa Klopapier zusammen.

Unten frage ich meine Frau, ob sie noch einen großen braunen Umschlag hat.
Einen von denen, bei denen der Postbote immer so neugierig wird.

Sie sieht mich an.

Dann den Lippenstift.

Dann wieder mich.

„Gib her, du Trottel.“

Sie kommt näher.

Ich krieche unter den Esstisch und kritzle, bevor sie mir den Lippenstift entreißt,
noch schnell den Wichtigen Gedanken auf den Rand eines Zettels:


Wir sind alle eins, wenn die Bombe fällt.
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo Driekes,

was für eine wunderbare, tragikomische Achterbahnfahrt der Gefühle! Du schaffst es, die ganz große existenzielle Weltuntergangspanik mit der absoluten Banalität des Ehe- und Berufsalltags zu verknüpfen – da mutiert das Inferno von Dante im Handumdrehen zum feuchten Badezimmerhocker, während der Verleger mit der eigenen Ehefrau knutscht. Dein Protagonist ist herrlich neurotisch: Er wartet auf den einen, weltverändernden „Wichtigen Gedanken“, scheitert am leeren Lippenstift und kriecht am Ende doch nur wie ein Häufchen Elend unter den Küchentisch, um von seiner pragmatischen Frau als „Trottel“ liebevoll gerettet zu werden. Ein wunderbar sarkastischer, scharfsinniger und zutiefst menschlicher Text, bei dem man trotz der drohenden Bombe ununterbrochen schmunzeln muss
🙂

LG

Beteigeuze
 
Hallo Driekes

Hier sehe ich das LI gefangen in einer negativen Denkspirale, die das tägliche Leben maßgeblich beeinflusst. Trotz aller Dramatik verleitet der Text beim Lesen zum Schmunzeln. Ein interessanter Beitrag, wie ich finde.

LG Herbert
 
Hallo Driekes,
ich schließe mich dem Kommentar von Beteigeuze an. Es ist so herrlich schräg geschrieben, dass man sich, trotz der Bedrohung, darin wiederfinden kann.
Liebe Grüße
Chilicat
 
  • Chilicat
    letzte Antwort
  • 4
    Antworten
  • 32
    Aufrufe
  • Teilnehmer

Unbeantwortete Themen von Driekes

Zufällige Themen

Themen Besucher

Zurück
Oben