- Quellenangabe
- https://stihi.ru/2026/05/05/5624 Daniil Lazko, 5. Mai 2026. Ich bin der Autor, Daniil Lazko(Даниил Лазько).
Frühlingsgänge
Ein lyrisches Diptychon
von
Daniil Lazko
5. Mai 2026
Ein lyrisches Diptychon
von
Daniil Lazko
5. Mai 2026
I.
Im Stadtpark, früher Abend
Die Bäume blühn, als wär’s zum ersten,
Zum allerersten Mal geschehn;
Ein Wind kommt auf, ich kenn’ den Schwätzer,
Er hat mich oft schon angeweht.
Der Flieder blüht, derselbe Flieder,
Der schon vor Jahren mich verriet;
Ich glaub’ ihm nicht, und doch — schon wieder
Geh’ ich vorbei und summ’ sein Lied.
Ein Mädchen geht, ein Mantel wehet,
Ein Lachen klingt, ein leiser Schein;
Mein Herz, das schlägt, mein Herz, das schweiget,
Und meint, es müsse doch sie sein.
Der Mond steigt auf, ganz ohne Eile,
Er hat es nicht zum ersten Mal;
Er leiht mir seine alte Zeile,
Ich nehm’ sie hin und lach’ einmal.
So geh’ ich heim durch laue Lüfte,
Ein wenig Hoffnung, viel Verzicht;
Es lügt der Lenz, es lügt der Flieder —
Und, ach, sie kommt auch morgen nicht.
Im Stadtpark, früher Abend
Die Bäume blühn, als wär’s zum ersten,
Zum allerersten Mal geschehn;
Ein Wind kommt auf, ich kenn’ den Schwätzer,
Er hat mich oft schon angeweht.
Der Flieder blüht, derselbe Flieder,
Der schon vor Jahren mich verriet;
Ich glaub’ ihm nicht, und doch — schon wieder
Geh’ ich vorbei und summ’ sein Lied.
Ein Mädchen geht, ein Mantel wehet,
Ein Lachen klingt, ein leiser Schein;
Mein Herz, das schlägt, mein Herz, das schweiget,
Und meint, es müsse doch sie sein.
Der Mond steigt auf, ganz ohne Eile,
Er hat es nicht zum ersten Mal;
Er leiht mir seine alte Zeile,
Ich nehm’ sie hin und lach’ einmal.
So geh’ ich heim durch laue Lüfte,
Ein wenig Hoffnung, viel Verzicht;
Es lügt der Lenz, es lügt der Flieder —
Und, ach, sie kommt auch morgen nicht.
II.
Bei der Linde
Im Park, wo junge Blätter flüstern,
Ging ich und that, als wär ich froh;
Der Frühling kam mit milden Listen
Und nahm mich mit, ich folgte so.
Ein Duft lag süß auf allen Wegen,
Die Luft war weich wie ein Versprechen;
Schon wollt’ mein Herz sich wieder regen —
Mein Herz, du sollst dir nichts versprechen.
„Erinnre dich, mein guter Thor,
Wie oft das Grün dich schon belog;
Wie jeder Mai dir Lieder schwor,
Die mit dem ersten Laub verflog.“
Ich blieb bei einer alten Linde,
Sie rauschte gut und ohne Wort;
Der Abend kam, der laue, linde —
Und ich, wie jeden Mai, am Ort.
Ich lächle nun den milden Tagen,
Nicht ganz aus Freude — eh’ aus Pflicht;
Der Frühling darf mir alles sagen,
Ich höre zu und glaub’ ihm nicht.
Bei der Linde
Im Park, wo junge Blätter flüstern,
Ging ich und that, als wär ich froh;
Der Frühling kam mit milden Listen
Und nahm mich mit, ich folgte so.
Ein Duft lag süß auf allen Wegen,
Die Luft war weich wie ein Versprechen;
Schon wollt’ mein Herz sich wieder regen —
Mein Herz, du sollst dir nichts versprechen.
„Erinnre dich, mein guter Thor,
Wie oft das Grün dich schon belog;
Wie jeder Mai dir Lieder schwor,
Die mit dem ersten Laub verflog.“
Ich blieb bei einer alten Linde,
Sie rauschte gut und ohne Wort;
Der Abend kam, der laue, linde —
Und ich, wie jeden Mai, am Ort.
Ich lächle nun den milden Tagen,
Nicht ganz aus Freude — eh’ aus Pflicht;
Der Frühling darf mir alles sagen,
Ich höre zu und glaub’ ihm nicht.
Literarische Anmerkung
Zur Form des Diptychons
Die beiden Stücke sind nicht zwei voneinander unabhängige Frühlingsgedichte, sondern ein zweiteiliger Satz, in dem das zweite Stück das erste fortsetzt, deutet und gleichsam überlebt. Im ersten Gedicht trifft den Sprecher noch ein konkreter Schmerz; im zweiten ist aus diesem Schmerz bereits eine Haltung geworden. Die Bewegung führt also nicht von Hoffnung zu Enttäuschung — das wäre die landläufige Variante —, sondern von der einmaligen Wunde zur eingeübten Skepsis. Eine solche Doppelbewegung kennt man aus Heines „Lyrischem Intermezzo“, wo das verletzte Herz sich seine Ironie selber beibringt, weil es ohne sie nicht weiterleben könnte.
I. Im Stadtpark, früher Abend
Das erste Gedicht arbeitet mit einer Reihe von Wiederholungsfiguren — „zum ersten / zum allerersten Mal“, „ich kenn’ den Schwätzer“, „er hat es nicht zum ersten Mal“ —, die alle dasselbe sagen: nichts ist neu, und doch tut die Welt so, als sei sie es. Die Erscheinungen des Frühlings (Bäume, Wind, Flieder, Mond) treten dabei nicht als Naturphänomene auf, sondern als alte Bekannte, fast als Personal einer wiederkehrenden Komödie. Der Schwätzer-Wind, der seine alten Lügen wiederholt; der Flieder, der mit demselben Duft denselben Verrat begeht; der Mond, der „seine alte Zeile“ verleiht — das sind keine Bilder, sondern Mitspieler.
Die entscheidende Wendung geschieht in der dritten Strophe, wo aus dem allgemeinen Frühlingsspiel plötzlich eine konkrete Person hervortritt: „Und meint, es müsse doch sie sein.“ Mit dem unauffälligen Pronomen „sie“ wird der ganze bisherige Bilderstrom auf einen einzigen Punkt zusammengezogen. Erst dadurch erhält die Schlußzeile ihr Ziel: „Und, ach, sie kommt auch morgen nicht.“ Der Schmerz ist nicht philosophisch, sondern adressiert; er weiß genau, wer fehlt.
Stilistisch fällt auf, daß das Gedicht ohne ein einziges großes Adjektiv auskommt. Es gibt kein „seliges“, kein „heiliges“, kein „ewiges“ — alles bleibt im Halbton. Selbst das einzige fast pathetische Wort, „Verzicht“, ist durch die nüchterne Vorgabe „ein wenig Hoffnung, viel“ in eine Bilanz herabgesetzt. Diese Verweigerung des Großtones ist heinesch: Pathos wird durch Buchhaltung ersetzt.
II. Bei der Linde
Das zweite Gedicht beginnt dort, wo das erste aufgehört hat — mit dem Nachgeben gegen besseres Wissen: „Ging ich und that, als wär ich froh.“ Das archaische „that“ hält den Anschluß an die ältere Lyrik, ohne in das Pittoreske abzurutschen. Bemerkenswert ist die Wahl des Wortes „Listen“ statt „Lüsten“: der Frühling verführt nicht durch Wollust, sondern durch List. Damit ist er nicht mehr Naturmacht, sondern Spieler — und das Gedicht lehnt von Anfang an die romantische Verklärung ab.
Die zweite Strophe vollzieht den entscheidenden Schritt: das Herz wird angeredet. „Mein Herz, du sollst dir nichts versprechen.“ Diese direkte Anrede an die eigene Brust ist eines der sichersten Heine-Mittel; sie spaltet das Ich in einen Beobachter und einen Patienten. Daß die Anrede ohne Bühnenanweisung einsetzt — ohne ein „da hört’ ich es sprechen“ — ist Absicht: sie soll wie ein Selbstgespräch klingen, das schon mitten im Gange ist.
Die dritte Strophe gibt dem Selbstgespräch Stimme und Inhalt. Der Sprecher nennt sich selbst „guter Thor“ — nicht „Träumer“, denn das wäre weich und entschuldigend. „Thor“ ist härter, volkstümlicher und genau die Selbstbeschimpfung, die Heines Ironiker so oft sich selbst gestatten. Das Bild des Mai, der „Lieder schwor, die mit dem ersten Laub verflog“, stellt das Versprechen und seine Auflösung in einen einzigen Vers.
In der vierten Strophe taucht ein leiser Wortwitz auf: „Der Abend kam, der laue, linde“. Das Adjektiv „linde“ (mild) klingt mit dem Baum „Linde“ zusammen — ein typisch heinesches Wortspiel, das sich nicht aufdrängt, aber ein leises Lächeln in das Bild schmuggelt. Der Sprecher steht „wie jeden Mai, am Ort“: das wiederkehrende Datum macht aus dem persönlichen Schmerz ein Ritual.
Der Schluß „Ich höre zu und glaub’ ihm nicht“ bezeichnet die endgültige Haltung. Es ist nicht der Sieg über die Hoffnung — die Hoffnung kommt jeden Frühling wieder, ehrlich und unverdrossen —, sondern ihre höfliche Begleitung. Man hört zu, ohne zu glauben. Das ist die Lebensform, die Heine seinen späten Sprechern oft gönnt: nicht die Bitterkeit des Verschmähten, sondern die freundliche Skepsis dessen, der schon weiß, wie das Stück ausgeht, und es trotzdem noch einmal mit ansieht.
Zusammenklang
Die zwei Schlußzeilen — „sie kommt auch morgen nicht“ und „ich höre zu und glaub’ ihm nicht“ — sind nicht parallel, sondern aufeinander bezogen. Die erste ist eine Klage, die zweite ist die Antwort darauf, gegeben Jahre später. Was im ersten Gedicht noch als Wunde erscheint, ist im zweiten zu einer Lebensregel geworden. Damit spielt das Diptychon in kleinem Maßstab nach, was Heine in seinen Zyklen im großen tut: aus der Verletzung wächst eine Form, und die Form schützt vor der nächsten Verletzung — ohne sie zu verhindern.
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Daniil Lazko, 5. Mai 2026
Daniil Lazko, 5. Mai 2026