Im ersten Licht
Der Morgen liegt schwerüber der kleinen Küche.
Feuchtigkeit steht
an den Fenstern.
Das Glas wirkt blind
vom langen Winter.
Auf dem Tisch:
zwei Tassen,
ein Brotmesser,
die zerknitterte Verpackung
eines Hustentees.
Der Mann sitzt bereits dort.
Die Hände
ruhig um den Kaffee gelegt,
als könnte Wärme
ein Mensch sein,
der noch geblieben ist.
Aus dem Schlafzimmer
kommen langsame Schritte.
Der alte Boden
antwortet leise darauf.
Die Frau trägt
denselben dunkelblauen Pullover
wie an vielen anderen Morgen.
Die Ärmel reichen
über ihre schmalen Hände,
die mit den Jahren
immer stiller geworden sind.
Sie hebt kurz
den Blick zu ihm.
Dieses kleine,
erschöpfte Nicken
zweier Menschen,
die längst alles voneinander wissen.
Draußen
fährt ein Bus
durch den Regen.
Gelbes Licht
wandert müde
über die Zimmerdecke.
Früher
lagen zwischen ihnen
große Worte.
Pläne.
Fernreisen.
Nächte,
in denen sie glaubten,
das Leben würde warten.
Heute
wohnt ihre Nähe
an anderen Orten.
In der Art,
wie sie seine Medikamente
bereits neben die Tasse legt.
Wie er ihr Brot
noch immer
in kleine Stücke schneidet,
ohne darüber nachzudenken.
Wie beide nachts
für einen Moment erwachen,
wenn der Atem des anderen
zu leise wird.
Die Uhr über dem Kühlschrank
trägt Kratzer
im verblassten Kunststoff.
Darunter hängt
eine alte Einkaufsliste.
Milch.
Äpfel.
Tabletten.
Worte
aus einem Leben,
das eng geworden ist
und gerade dadurch
seinen ganzen Wert zeigt.
Die Frau streicht
mit den Fingern
über den Rand ihrer Tasse.
Ein feiner Sprung
zieht sich durch das Porzellan.
Sie lächelt schwach.
Fast zärtlich.
Als würde selbst dieser Riss
inzwischen zur Familie gehören.
Der Mann sieht sie an.
Lange.
Mit jener stillen Liebe,
die keine Sprache mehr braucht,
weil sie längst
in den Bewegungen lebt.
Im langsamen Nachgießen des Kaffees.
Im gemeinsamen Schweigen.
Im Wissen,
dass draußen
die Jahre weiterziehen,
während zwei müde Menschen
in dieser kleinen Küche
noch immer behutsam
aufeinander aufpassen.
SaD
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