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Fahrgast! Wohl ziemt's dir, auf des Bahnsteigs Bänken zu schlummern:
Träumend siehst du vielleicht pünktlich dir nahen den Zug.
Ich las eben ein wenig in einem Buch von Lorenz Kellner, "Materialien für den Unterricht im mündlichen und schriftlichen Gedankenausdrucke", erschienen 1876; darin findet sich auch ein Distichon Ludwig Uhlands:
Wandrer! Es ziemet dir wohl, in der Burg Ruinen zu schlummern,
Träumend baust du vielleicht herrlicher sie wieder auf.
Da klang aber der Pentameter seltsam – ein zweisilbiges Wort wie "wieder" hätte ein Dichter von Uhlands Klasse sicher nicht hinter einer so schwachen Silbe wie "sie" in die Senkung gedrückt?! Und tatsächlich: Bei Uhland findet sich
Wandrer! Es ziemet dir wohl, in der Burg Ruinen zu schlummern,
Träumend baust du vielleicht herrlich sie wieder dir auf.
So ging das wohl in Vor-Internet-Zeiten: Die Ausgaben waren nicht immer akkurat, das Gedächtnis ohnehin fehleranfällig; und kurz im Netz nachschauen, wie es richtig heißt, ging eben nicht ... Na ja, worauf es hier gerade ankommt: Wo ich schon einmal über dieses Distichon nachdachte, konnte ich auch gleich eine moderne Version schreiben; die wirkt auch ein wenig befangen, aber das liegt daran, dass ich, so weit mir möglich, an der Vorlage "entlangschreiben" wollte; erlaubt man sich da mehr Freiheit, lassen sich sicher ohne Schwierigkeiten eine Menge von Situationen finden, die sich nach diesem Muster dichterisch gestalten lassen?! Ich versuche bei Gelegenheit jedenfalls noch einige.
(Das "vielleicht" finde ich übrigens spannend; so recht eine Meinung, was seine Aufgabe im Text ist, habe ich noch nicht ...)