Es mussten Stunden vergangen sein, doch ich konnte meine Augen nicht von meinem Obduktionstisch lösen.
Es war kein schöner Anblick. Ganz im Gegenteil. Etwas daran war zutiefst verstörend.
Das junge Mädchen, das einem Verbrechen zum Opfer gefallen war.
Ich warf einen Blick auf die Uhr und dann auf mein Klemmbrett – ich muss an die Arbeit.
Ihre Gelenke waren unnatürlich verrenkt; ich hätte nicht gedacht, dass ein menschlicher Körper zu solcher Verzerrung fähig ist. Und doch ertappte ich mich dabei, wie ich diesen Anblick beinahe bewunderte. So grotesk es auch klingen mag – etwas daran war ästhetisch.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein Kranker. Ich tue lediglich meine Arbeit. Ich bin Forensiker. Ich trage meinen Teil zur Gerechtigkeit bei. Gerechtigkeit für die Toten.
Das Mädchen war hübsch.
Wenn man über die hervortretenden Knochen und das freigelegte Fleisch hinwegsah, war sie beinahe schön. Ihre dunklen Augenbrauen bildeten einen starken Kontrast zu ihrer blassen Haut. Schmale Lippen, die an Farbe verloren haben. Ihr Kadaver musste schon seit Stunden hier liegen. Ich fragte mich, wer sie gewesen war. Vielleicht Studentin. Nicht älter als dreiundzwanzig. Ich war wie gefesselt von ihrem Anblick, nicht einmal Michelangelo hätte so etwas schaffen können. Ich musterte sie von Kopf bis Fuß, mein Blick lief entlang ihres entblößten Halses, bis hin zu Ihren Armen. An ihrer linken Hand trug sie einen Verlobungsring.
Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog – ein stechen in meiner Brust.
Wo war er?
Wenn er sie wirklich geliebt hätte – warum lag sie dann hier?
Warum lag sie hier, vor mir?
Ich bin hier.
Ich bin hier bei ihr.
Nicht er.
Mir wurde übel. Nicht wegen des Körpers. Er war immer noch schön.
Aber bei dem Gedanken, dass ich sie vielleicht auch dann schön gefunden hätte, wenn sie nicht so daläge.
Ich wandte den Blick ab.
Ich musste mich erinnern, warum ich hier war.
Ich bin Forensiker.
Das hier ist meine Arbeit.
Standardprozedur.
-------------------------
Nachträglich meine Absicht ist weniger Realismus als Innenperspektive. Der Erzähler ist kein neutraler Forensiker, sondern eine unzuverlässige Stimme. Deshalb steht er Stunden vor der Leiche und ist fixiert. Nicht wörtlich, sondern in seinem Erleben. Deshalb verwendet er auch keine Fachbegriffe, sondern beobachtet die Szene aus seiner eigenen psychisch verschobenen Wahrnehmung. Kurz gesagt, ich schreibe bewusst aus dem Kopf des Erzählers, nicht aus der Realität des Berufs. Ich wollte zeigen, wie sehr ihn dieser Anblick mitnimmt bzw. sogar fasziniert.
Das ist die Gewalt als Spiegel für die menschlichen Abgründe. Es geht mehr um Fixierung und Ekel und den inneren Konflikt des Erzählers. Der Fokus liegt weniger im Opferkörper als auf dem Inneren Konflikt des Forensikers.
Ekel-Faszination
Berufsethos-persönliche Grenze
Scham-Impuls
Der Körper fungiert hier nicht als Schauwert, sondern als Auslöser für ein psychisches Zerfallen und eine subjektive, verschobene Wahrnehmung. Ich habe mich von Gottfried Benn inspirieren lassen, der selbst Mediziner war und in seinen Gedichten den menschlichen Körper entmenschlicht hat (schöne Jugend, um genauer zu sein).
Es war kein schöner Anblick. Ganz im Gegenteil. Etwas daran war zutiefst verstörend.
Das junge Mädchen, das einem Verbrechen zum Opfer gefallen war.
Ich warf einen Blick auf die Uhr und dann auf mein Klemmbrett – ich muss an die Arbeit.
Ihre Gelenke waren unnatürlich verrenkt; ich hätte nicht gedacht, dass ein menschlicher Körper zu solcher Verzerrung fähig ist. Und doch ertappte ich mich dabei, wie ich diesen Anblick beinahe bewunderte. So grotesk es auch klingen mag – etwas daran war ästhetisch.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein Kranker. Ich tue lediglich meine Arbeit. Ich bin Forensiker. Ich trage meinen Teil zur Gerechtigkeit bei. Gerechtigkeit für die Toten.
Das Mädchen war hübsch.
Wenn man über die hervortretenden Knochen und das freigelegte Fleisch hinwegsah, war sie beinahe schön. Ihre dunklen Augenbrauen bildeten einen starken Kontrast zu ihrer blassen Haut. Schmale Lippen, die an Farbe verloren haben. Ihr Kadaver musste schon seit Stunden hier liegen. Ich fragte mich, wer sie gewesen war. Vielleicht Studentin. Nicht älter als dreiundzwanzig. Ich war wie gefesselt von ihrem Anblick, nicht einmal Michelangelo hätte so etwas schaffen können. Ich musterte sie von Kopf bis Fuß, mein Blick lief entlang ihres entblößten Halses, bis hin zu Ihren Armen. An ihrer linken Hand trug sie einen Verlobungsring.
Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog – ein stechen in meiner Brust.
Wo war er?
Wenn er sie wirklich geliebt hätte – warum lag sie dann hier?
Warum lag sie hier, vor mir?
Ich bin hier.
Ich bin hier bei ihr.
Nicht er.
Mir wurde übel. Nicht wegen des Körpers. Er war immer noch schön.
Aber bei dem Gedanken, dass ich sie vielleicht auch dann schön gefunden hätte, wenn sie nicht so daläge.
Ich wandte den Blick ab.
Ich musste mich erinnern, warum ich hier war.
Ich bin Forensiker.
Das hier ist meine Arbeit.
Standardprozedur.
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Nachträglich meine Absicht ist weniger Realismus als Innenperspektive. Der Erzähler ist kein neutraler Forensiker, sondern eine unzuverlässige Stimme. Deshalb steht er Stunden vor der Leiche und ist fixiert. Nicht wörtlich, sondern in seinem Erleben. Deshalb verwendet er auch keine Fachbegriffe, sondern beobachtet die Szene aus seiner eigenen psychisch verschobenen Wahrnehmung. Kurz gesagt, ich schreibe bewusst aus dem Kopf des Erzählers, nicht aus der Realität des Berufs. Ich wollte zeigen, wie sehr ihn dieser Anblick mitnimmt bzw. sogar fasziniert.
Das ist die Gewalt als Spiegel für die menschlichen Abgründe. Es geht mehr um Fixierung und Ekel und den inneren Konflikt des Erzählers. Der Fokus liegt weniger im Opferkörper als auf dem Inneren Konflikt des Forensikers.
Ekel-Faszination
Berufsethos-persönliche Grenze
Scham-Impuls
Der Körper fungiert hier nicht als Schauwert, sondern als Auslöser für ein psychisches Zerfallen und eine subjektive, verschobene Wahrnehmung. Ich habe mich von Gottfried Benn inspirieren lassen, der selbst Mediziner war und in seinen Gedichten den menschlichen Körper entmenschlicht hat (schöne Jugend, um genauer zu sein).