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Feedback jeder Art Odin - Heimweg unter Zeichen

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Odin - Heimweg unter Zeichen


Als Odin durch den Spalt im Zaun glitt, war es kein Entschluss, sondern ein Riss im Inneren. Etwas hatte ihn gerufen - nicht laut, eher wie eine Schwingung, die nur Tiere hören. Vielleicht war es ein Geruch, vielleicht eine Erinnerung, vielleicht etwas, das älter war als er selbst. Er rannte los, ohne Ziel, aber mit einer inneren Gewissheit, die ihn trug.
Die Straße hinter ihm verschwand, und die Nacht öffnete sich wie ein Raum, der ihn prüfte. Der Wald nahm ihn auf, nicht freundlich, eher neutral. Die Bäume standen wie alte Zeugen, die ihn musterten. Der Boden war weich, voller Spuren, die Geschichten erzählten, die er nicht kannte. Fuchs. Reh. Ein alter Dachs, der nach Krankheit roch. Und etwas anderes, das er nicht einordnen konnte - ein Geruch, der wie ein Schatten war, ohne Form, ohne Richtung.

Odin blieb stehen.
Er hob die Nase.
Nichts von dir.
Nur die Welt, die ihn prüfte.

Er ging weiter, tiefer in den Wald hinein. Der Regen setzte ein, erst zaghaft, dann wie ein Vorhang. Die Tropfen trommelten auf sein Fell, und die Kälte kroch in seine Pfoten. Ein Rascheln ließ ihn erstarren. Ein Wildschwein stand zwischen den Bäumen, groß, schwer, mit Augen, die ihn musterten wie ein Eindringling. Odin senkte den Kopf, wich langsam zurück. Das Tier schnaubte, stampfte, entschied sich dann gegen den Kampf. Ein Zeichen, vielleicht. Oder nur Zufall.
Er fand Schutz unter einer umgestürzten Wurzel. Der Regen wurde stärker, und die Dunkelheit legte sich wie ein Gewicht auf ihn. Er schloss die Augen, aber der Schlaf kam nicht. Stattdessen kamen Bilder. Keine klaren Erinnerungen, eher Bewegungen im Inneren.

Deine Stimme.
Deine Hand auf seinem Kopf.
Der Geruch deines Hauses, warm, vertraut.
Der Ball, der über den Rasen rollte.
Das Stöckchen, das du warfst, immer ein bisschen zu weit, damit er stolz zurückkommen konnte.
Das leise Lachen, wenn er sich an dich drückte.
Die Abende, an denen er seinen Kopf auf deine Knie legte und die Welt still wurde.

Ein Faden spannte sich, dünn, aber unzerreißbar.

Er schlief ein, kurz, unruhig. Wachte wieder auf, weil der Wald Geräusche machte, die er nicht kannte. Ein Käuzchen rief. Ein Ast knackte. Ein Tier schlich vorbei, das er nicht sah, aber roch - alt, hungrig, vorsichtig. Odin blieb still, bis die Nacht sich beruhigte.
Am Morgen war die Welt grau. Der Hunger nagte an ihm, der Durst brannte. Er fand eine Pfütze, trank gierig. Der Geschmack war erdig, aber er brauchte ihn. Er folgte einem Bachlauf, weil Wasser immer irgendwohin führt. Manchmal zu Gefahren. Manchmal nach Hause.
Ein Bussard kreiste über ihm, als würde er prüfen, ob Odin schwach genug sei, um interessant zu werden. Er lief weiter, den Kopf tief, die Ohren wachsam. Der Wald wurde lichter, die Geräusche der Menschen kehrten zurück. Eine Landstraße schnitt durch die Landschaft wie eine Narbe. Autos rasten vorbei, zu schnell, zu laut. Odin wartete lange, bis er sich traute, zu überqueren.
Ein LKW kam näher. Zu schnell. Zu nah.
Odin sprang zurück, der Luftzug riss an seinem Fell. Er jaulte, mehr aus Schreck als aus Schmerz. Dann rannte er - nicht weg, sondern hin. Denn plötzlich war da ein Geruch. Zart, aber eindeutig. Dein Geruch. Verwaschen vom Regen, aber da. Ein Zeichen, das stärker war als alles andere.

Der Faden spannte sich wieder, diesmal kräftiger. Odin hob den Kopf, schüttelte das Wasser aus dem Fell und folgte der Spur. Über Felder. Durch Gärten. An Zäunen vorbei, die nach fremden Hunden rochen. Ein kleiner Terrier stellte sich ihm in den Weg, knurrte, stellte das Fell auf. Odin wich aus, wollte keinen Kampf. Der Terrier bellte ihm nach, doch Odin blieb ruhig. Er hatte ein Ziel.

Der Regen ließ nach. Die Welt wurde heller. Und dann - dein Haus.
Odin blieb stehen. Er war erschöpft, schmutzig, verletzt, aber sein Blick war klar. Er hob die Pfote, kratzte an der Tür. Einmal. Zweimal. Dann hörte er Schritte.
Als du öffnetest, sah er dich an, und in diesem Moment fiel alles von ihm ab - die Angst, die Kälte, die Nacht. Er drückte seinen Kopf gegen deine Brust, als wollte er sich vergewissern, dass du wirklich da bist.

Und du knietest dich hin, sagtest seinen Namen, und die Welt ordnete sich wieder.

Er roch dich, roch das Haus, roch die Wärme.
Er erinnerte sich an alles:
den Ball, den du immer zu weit warfst,
das Stöckchen, das er stolz zurückbrachte,
die Abende, an denen er sich an dich drückte,
die Freundschaft, die er nie verstand, aber immer fühlte.

Er wedelte, erst vorsichtig, dann stärker, bis sein ganzer Körper vibrierte.
Du lachtest, ein Ton, der wie ein Licht durch ihn hindurchging.
Er sprang an dir hoch, nicht wild, sondern dankbar.
Er wusste nicht, wie lange er weg gewesen war.
Er wusste nur, dass er wieder da war.

Vielleicht war es nur ein Hund, der heimfand.
Vielleicht war es Schicksal.
Vielleicht ein Zeichen.
Vielleicht Erinnerung, die den Weg kannte, auch wenn er ihn verloren hatte.

Odin wusste es nicht.
Er wusste nur, dass du sein Zuhause warst.
Und dass er nie wieder so weit laufen wollte, dass er dich nicht mehr riechen konnte.
 
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