Moin zusammen,
danke fürs Reinlesen und fürs Gegenhalten.
@Guenk: Kann gut sein, dass es thematisch schon mal in der Nähe war –
ich kreise um solche “Rituale” gern öfter, weil sie im Alltag überall vorkommen.
Wenn’s ein Déjà-vu ist: umso besser, dann trifft’s offenbar eine wiederkehrende Stelle.
@Chandrika W. : Da gehe ich mit: Oft klatscht man nicht fürs “große Werk”,
sondern für den Mut, etwas von sich zu zeigen. Genau
das wollte ich nicht abräumen.
Meine Satire zielt auf den Moment, wo Beifall zur Pflichtübung wird – höflich, sicher, folgenlos.
@
Joshua Coan
Moin – danke für den langen, ernsthaften Einwurf.
Ich mag an deinem Kommentar, dass du das Menschliche nicht wegidealisierst:
Ja, wir brauchen Wärme, Resonanz, manchmal auch einfach ein freundliches
„Ich hab dich gesehen“. Und ja: In einem ziemlich gleichgültigen Universum
ist jede Form von Zusammenhalt erstmal ein kleines Gegenlicht.
Genau deshalb zielt mein Text nicht auf Freundschaft oder ehrliche Anerkennung.
Ich habe auch nichts gegen „kuschelig ehrlich“ – im Gegenteil: Wenn jemand sagt
„das hat mich berührt“ oder
„ich erkenne mich da wieder“, ist das für mich eine der
stärksten Formen von Lob, weil es persönlich ist und ein Risiko trägt.
Meine Satire setzt eine Schere an einer anderen Stelle an: dort, wo Beifall
ritualisiert wird.
Wo er nicht mehr Antwort ist, sondern Reflex. Wo man klatscht, damit die Maschine läuft:
„Du lobst mich, ich lobe dich, wir bleiben beide bedeutend.“ Das ist nicht Bosheit,
eher ein sozialer Sicherheitsgurt – aber er hat einen Preis: Er macht die Texte glatt.
Er ersetzt Aufmerksamkeit durch Geräusch. Und er nimmt der Kritik
(und damit dem Werk) die Luft.
Du schreibst: „geistreicher Austausch statt nichtssagendem Beifall“ –
das ist ziemlich genau mein Punkt. Für mich sind Gedichte kein Schmiermittel,
sondern eher ein Test: Halten wir die Stille aus, die ein Text macht? Halten wir eine Frage aus? Halten wir sogar eine kleine Irritation aus? Wenn ja, entsteht Gespräch.
Wenn nein, bleibt Klatschen.
Und da steckt bei mir vielleicht auch eine persönliche Ästhetik dahinter:
Ich schreibe oft kurz, kantig, ohne Floskel, eher wie Notate. Das ist keine Pose,
eher ein Misstrauen gegenüber „Wärme-Formeln“. Ich möchte lieber einen einzigen genauen Satz als zehn freundliche Nebelkerzen. Applaus kann sehr nett sein –
aber er ist mir als Reaktion zu oft zu ungenau.
Was ich mir wünsche (auch auf Poeten.de): nicht „Schlacht“ oder „Skalpell“
als Dauerzustand – sondern
Resonanz mit Inhalt. Also Dinge wie:
Was genau funktioniert? Was genau kippt? Wo hat’s dich erwischt? Was bleibt flach?
Und ja: auch mal ein klares „nee, überzeugt mich nicht – aus dem und dem Grund“.
Das ist für mich echte Anerkennung: dass jemand sich Zeit nimmt, hinzuschauen.
Meine Absicht war also nicht: „Haha, alle sind doof und klatschen.“
Sondern: ein kleines Warnschild gegen Autopilot-Lob. Weil ich glaube,
dass echte Freundschaft und echter Austausch eher
mehr vertragen als nur Beifall –
sie vertragen auch Reibung.
@Teddybär: Stimmt auch: Ein Werk lebt von Resonanz.
Nur: Ich glaube, Bedeutung entsteht nicht
nur durch Beifall,
sondern durch Aufmerksamkeit – und die hat mehr Formen als Klatschen:
Widerspruch, Nachfragen, ein Satz, der hängen bleibt,
auch ein “das überzeugt mich nicht”.
Kurz: Ich habe nichts gegen Wärme. Ich habe was gegen Automatismen.
LG Driekes