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Feedback jeder Art Warum der Elefant einen Rüssel hat (Märchen aus Botswana)

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Der Elefant betrat die Bühne
der Schöpfung schon als grauer Hüne,
allein: Sein wohlbekannter Rüssel,
der stets bereite Allzweckschlüssel
für alles unterm Brotbaumwipfel,
war anfangs nur ein kurzer Zipfel.

Einst streifte eine kleine Herde
auf der noch jugendfrischen Erde
durch staubiges Savannenland,
wo sich zum Glück ein Tümpel fand.
Sie knieten tief, um mit den Lippen
vom heiß ersehnten Nass zu nippen.

Ein Bulle in den Flegeljahren,
verträumt und etwas unerfahren,
sah sich zu Rast und Ruh bewogen,
als schon die Alten weiterzogen.
Der Kleine ist im Sonnenschein
an diesem Tümpel nicht allein.

Ein eingetauchtes Krokodil
erwählt sich diesen Gast zum Ziel.
Es schnellt hervor wie von der Wippe,
verbeißt sich in erwähnte Lippe,
lässt ihren Träger nicht entfliehen
und will ihn unter Wasser ziehen.

Die Panzerechse zurrt und zerrt,
jedoch: Der junge Streuner sperrt
sich tapfer und behält die Stellung.
Wohl spürt er schon den Schmerz der Schwellung -
da löst die Echse ihre Kiefer.
(Die Sonne steht schon deutlich tiefer.)

Was ihm der Wasserspiegel zeigt,
als er das Haupt erleichtert neigt,
das lässt ihn freilich jäh erschrecken
und sich im Dorngebüsch verstecken:
Sein Mundwerk baumelt bis zum Bauch
gleich einem alten Gartenschlauch.

So umgestaltet, will er heute,
nein: niemals wieder unter Leute.
Sein Anhang, Wurzel dieser Nöte,
erglüht in tiefer Schamesröte,
doch ist er keineswegs erschlafft:
Durch ihn strömt ungeahnte Kraft.

Im kleinen Dickkopf reift sogleich
der Plan zu einem kühnen Streich:
Mit diesem Werkzeug mag es glücken,
das Affenbrot vom Baum zu pflücken,
dort, wo der Webervogel singt.
Ein kurzer Schwung - der Griff gelingt.

Die süßen, hoch gehängten Früchte,
bislang für Jumbos nur Gerüchte,
sind mit dem Rüssel zu beschleichen
und ohne Mühe zu erreichen.
Selbst Leckereien in entfernten
Geästen weiß er so zu ernten.

Derart getröstet, wird die Nacht
in sanftem Schlummer zugebracht.
Sein Status bleibt am neuen Morgen
den Seinen freilich nicht verborgen.
Auch wenn man ihn fürs Erste meidet -
er wird doch insgeheim beneidet.

Darauf erzählt er ohne Scham,
wie er zu seinem Rüssel kam.
Der Abend naht, und zu den Teichen
sieht man die Elefanten schleichen,
um dort Geheimes zu verrichten.
Das Krokodil schiebt Sonderschichten ...

(Bild: Jungelefant im Okavango-Delta. Quelle: Eigenes Foto)
 

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Moin Cornelius,

herrlich erzählt – und richtig sauber gebaut.
Du nimmst die Kipling-Ursprungs-Idee, aber machst daraus dein eigenes Stück:
mit Tempo, Witz und einem Erzähler, der immer einen halben Schritt voraus ist.

Was mir besonders gefällt: wie du den Sprung von Schreck/Scham zu Nutzen hinbekommst.
Erst „Gartenschlauch“ und Dorngebüsch – dann plötzlich Werkzeug, Reichweite, Affenbrot.
Das ist nicht nur komisch, das ist auch eine kleine Parabel über:
Aus einem Malheur wird Fähigkeit.

Und diese kleinen Einschübe sitzen: „(Die Sonne steht schon deutlich tiefer.)“ –
genau solche Nebenbemerkungen geben dem Text Stimme und Timing.
Am Ende dann der neue „Ritus“ an den Teichen und das Krokodil auf „Sonderschicht“:
runder Schluss, schöner Augenzwinker.

Gern gelesen – macht gute Laune, ohne albern zu werden.

LG Driekes
 
Guten Abend @Letreo71 und @Driekes,

freue mich sehr, hier nach so kurzer Zeit eure schönen Kommentare zu lesen.

Das Märchen habe ich tatsächlich auf einer Fotosafari 2011 in Botswana kennengelernt. Unser Driverguide hat es in der Pause auf einer Pirschfahrt erzählt, während wir von einer Anhöhe aus den Sonnenuntergang bewunderten ...

Es handelt sich um ein in weiten Teilen Afrikas verbreitetes "Schöpfungsmärchen", das in vielen regionalen Varianten bekannt ist. Auf die Version von Rudyard Kipling bin ich erst gestoßen, als ich zu Hause nach literarischen Verarbeitungen dieser Geschichte geforscht habe. Natürlich läge es mir fern, mich mit ihm messen zu wollen ... Aber ich hatte einfach Lust, dieses reizvolle traditionelle Erzählgut in meine eigenen Worte zu kleiden.

Liebe @Letreo71, dass du es sogar mehrfach gelesen hast, freut mich natürlich ... und deine profunde Analyse, lieber @Driekes, lässt mir zu viel der Ehre widerfahren, aber genossen habe ich sie freilich schon ...

Euch einen schönen Abend, ach ja: und ein gutes neues Jahr!

Gruß
Cornelius
 
Lieber Cornelius,

Ich komme gerade vom Bäcker. Warum? Durch dein Elefanten- Märchen wird mir einiges klarer, denn deine Bildsprache wird durch deine elegante Wortwahl sehr plastisch. Die Geschichte hat mich rhythmisch sofort mitgenommen, und inspiriert. Ich habe mir spontan erlaubt, eine Fortsetzung zu formulieren, welch ich dir nicht vorenthalten möchte. Dabei wollte ich dein Bild natürlich erhalten, d.h. mich nicht so sehr an einem Rüssel festbeißen, oder das fleißige Krokodil bemühen.
LGA

Hoch motiviert ward die Giraffe,
"Ich glaube auch, dass ich das schaffe!"
In eine Astgabel geklemmt
hat sie am Hals sich aufgehängt.
Ihr Hals wurd lang, der Kopf hing fest,
was sich nun nicht mehr ändern lässt.

Die Affen krochen von den Bäumen
und konnten nur vom Brot noch träumen.
Ihr Affenbrotbaum? - leer gepflückt!
Giraffen, Jumbos sind beglückt,
So lernten die Primaten laufen
und müssen sich ihr Brot heut kaufen.
 
Zuletzt bearbeitet:
Sehr schön, lieber Cornelius,
wie deine Sprachbeherrschung hier wieder eine Atmosphäre erzeugt, die alles -Handlung, Charaktere und Gefühle- passend zusammenführt und hohen Lesegenuss ermöglicht. Eine Geschichte, die (wie oft bei afrikanischen Märchen) nicht nur eine Anatomie zu erklären versucht, die für den Menschen erstaunlich ist und dabei auf wirkliche Vorkommnisse zurückgreift. Sie zeigt auch, wie aus Zerstörung Entwicklung, aus dem Aggressor ein Gestalter und aus dem Unglück Glück werden kann.

Mit Freude gelesen.
LG g
 
Zuletzt bearbeitet:
Lieber @gummibaum,

du bringst es auf den Punkt, was das Märchen uns erzählen möchte. Freut mich, wenn die Nachdichtung halbwegs gelungen ist.

Liebe @Amadea,

dank deiner witzigen Fortsetzung ist mir jetzt auch klar, warum wir heute unser Brot beim Bäcker kaufen müssen. Ich war immer der Ansicht, es sei vielleicht gar keine so brillante Idee von unseren Urahnen gewesen, von den Bäumen herabzusteigen. Aber es ist ja anzunehmen, dass sie das Paradies nicht ganz freiwillig verlassen haben ...

Grüße an euch und an alle für die Likes und Kommentare!

Gruß
Cornelius
 
  • Wilde Rose
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