Aktuelles
Gedichte lesen und kostenlos veröffentlichen auf Poeten.de

Poeten.de ist ein kreatives Forum und ein Treffpunkt für alle, die gerne schreiben – ob Gedichte, Geschichten oder andere literarische Werke. Hier kannst du deine Texte mit anderen teilen, Feedback erhalten und dich inspirieren lassen. Um eigene Beiträge zu veröffentlichen und aktiv mitzudiskutieren, ist eine Registrierung erforderlich. Doch auch als Gast kannst du bereits viele Werke entdecken. Tauche ein in die Welt der Poesie und des Schreibens – wir freuen uns auf dich! 🚀

Feedback jeder Art Wo etwas dich hält

Hier gelten keine Vorgaben mit Ausnahme der allgemeinen Forenregeln.
  • Sam de Wenah
    letzte Antwort
  • 2
    Antworten
  • 32
    Aufrufe
  • Teilnehmer
WO ETWAS DICH HÄLT
von Sam de Wenah

Am Anfang ist es kein Sturz,
sondern ein leises Vergessen,

als hätte der Boden beschlossen,
dich aus seiner Erinnerung zu streichen,

und die Welt zieht sich enger um deine Lungen
wie eine Hand, die nicht mehr loslässt.

Du gehst noch,

aber jeder Schritt löst dich weiter aus dir selbst,

nicht alles geht verloren,

sondern genau das,
worauf dein Leben einmal fest gestanden hat.

Dein Kopf wird zu einem offenen Raum,

in dem Schatten denken
und Gedanken langsam in dich hineintropfen,

schwer, unausweichlich,

immer dorthin, wo du am wenigsten geworden bist.

Dein Herz schlägt nicht mehr –

es prallt nur noch gegen dich zurück,
wie etwas Lebendiges,
das in dir keinen Platz mehr findet.

Und irgendwann hörst du auf zu kämpfen,
nicht weil Frieden kommt,

sondern weil selbst dein Widerstand
dich nicht mehr erkennt.

Unter dir ist kein Abgrund.

Etwas Tieferes.

Ein Raum ohne Richtung, ohne Zeit,
in dem Stunden zu schwarzem Wasser zerfallen
und du davon trinkst,
weil nichts anderes mehr bleibt.

In dir wächst etwas Stilles, Geduldiges,
ohne Gesicht,
aber mit Zähnen,
das dich nicht zerreißt,
sondern dich aus dir selbst herausschält.

Schicht für Schicht –

bis nur noch eine Form übrig bleibt,
die sich erinnert,
dass sie einmal mehr war als das hier.

Dann verschwindet selbst die Verzweiflung.

Keine Bitte bleibt.

Nur eine Stille,
die sich in dich legt
wie etwas Kaltes, das dich kennt.

Und genau dort,
wo selbst die Leere dich fallen lässt,
geschieht etwas,
das nicht mehr zu dir gehört.

Kein Licht.

Etwas Fremderes als dein Dunkel –
und doch nicht gegen dich.

Neben dir.

Etwas ist da,
das nicht kommt,
weil es nie außerhalb von dir war,

und das nichts berührt
und doch alles in dir ordnet,

als hätte es jede deiner Bruchstellen
lange vor dir gesehen.

Dein Herz hört auf zu kämpfen,
nicht aus Erschöpfung,

sondern weil es getragen wird –

ohne Hände, ohne Gewicht, ohne Bedingung.

Nichts heilt.
Aber nichts zerbricht dich weiter.

Die Dunkelheit bleibt,

doch sie wird weit,
ruhig, tragend

als hätte selbst die Tiefe beschlossen,
dich nicht mehr loszulassen.

Du fällst nicht mehr.

Du wirst gehalten –

tiefer als jeder Schmerz,
stiller als jede Angst –

an etwas, das keinen Namen braucht
und dennoch nicht reißt.

Du atmest wieder.

Und irgendwo,
jenseits von allem,
was je benannt werden konnte,

ist etwas, das nicht entsteht
und nicht vergeht.

Kein Licht erreicht es.

Kein Blick findet es.

Und doch kennt es dich.

Es umschließt dich nicht.
Es hält dich nicht fest.

Und dennoch
kannst du nicht mehr fallen.

Als hätte die Tiefe selbst beschlossen,
dich zu bewahren.

Und in dir wird es still
auf eine Weise,
die nichts mehr verlangt.

Du verstehst nicht.

Du musst nicht mehr verstehen.

Du bist nicht gerettet.

Du bist längst geborgen
 
Zuletzt bearbeitet:
@Sam de Wenah

Moin Sam,

dein Text zieht einen tief hinein. Er beschreibt nicht einfach Dunkelheit,
sondern dieses langsame Herausgelöstwerden aus sich selbst –
und genau dadurch wirkt er so stark. Das ist kein dramatischer Absturz,
sondern ein lautloses Entgleiten, und gerade das macht die Zeilen so eindringlich.

Auch formal passt das sehr: freier Vers, weit ausschwingend, ruhig gesetzt und ganz
aus der inneren Bewegung entwickelt. Nichts wirkt hier gebaut um der Form willen;
der Text trägt sich über Atem, Wiederholung und diese langsame, konsequente Vertiefung.

Was ihn für mich trägt: Er bleibt nicht in der Verzweiflung stehen. Irgendwann kippt etwas –
nicht ins Helle, nicht in billigen Trost, sondern in ein Getragensein, das namenlos bleibt und
gerade deshalb glaubwürdig wirkt. Dieses „Du bist nicht gerettet. / Du bist längst geborgen“
ist dafür ein starkes Ende.

Ein Text wie ein Abstieg, der sich am tiefsten Punkt in etwas anderes verwandelt.

LG Driekes
 
Moin Driekes,

danke dir, das freut mich wirklich.
Genau dieses „lautlose Entgleiten“ wollte ich beschreiben, weniger Drama, mehr dieses langsame Verlieren von Halt. Umso besser, wenn das so ankommt. Und ja, der Punkt war für mich wichtig, nicht ins Helle zu kippen, sondern in etwas, das einfach sich selbst beschreibt.

Danke dir fürs genaue Lesen – bedeutet mir was.

SaD
W
 
  • Sam de Wenah
    letzte Antwort
  • 2
    Antworten
  • 32
    Aufrufe
  • Teilnehmer

Unbeantwortete Themen von Sam de Wenah

Themen Besucher

Zurück
Oben