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Feedback jeder Art Das leise Archiv

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  • Arvid Nacht
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Das leise Archiv

Manchmal denke ich, dass Lesen heute wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Epoche,
ein stilles Gerät aus Holz und Papier, das man nur noch in Museen erwartet,
zwischen verstaubten Landkarten und Geräten, deren Zweck niemand mehr kennt.
Ich sehe die Menschen um mich herum, wie sie ihre Bildschirme streicheln,
als wären diese kleinen Glasflächen die letzten warmen Körper,
und ein Buch in einer Hand wirkt inzwischen wie ein Irrtum der Evolution,
ein Zeichen dafür, dass jemand die Richtung verwechselt hat.

Vielleicht ist Lesen deshalb nicht mehr zeitgemäß,
weil es eine Bewegung verlangt, die nach innen führt,
und diese Richtung ist gefährlich geworden.
Sie ist zu langsam, zu tief, zu wenig kompatibel
mit einer Welt, die nur noch in Sekunden misst.
Warum sollte man sich durch Seiten arbeiten,
wenn ein Video alles in fünf Atemzügen erledigt
und dabei noch bunte Geräusche macht.
Die Fantasie wird nicht mehr gebraucht,
sie ist ein Muskel, der verkümmert,
weil niemand ihn benutzt.

Und doch frage ich mich, ob es wirklich nur Bequemlichkeit ist
oder ob die Wahrheit selbst unmodern geworden ist.
Nicht die große, glänzende Wahrheit,
die man auf Plakate druckt,
sondern die leise, innere,
die sich erst zeigt, wenn man lange genug
in einen Satz hineinhorcht.
Diese Art Wahrheit verkauft sich schlecht,
sie ist zu schwer, zu langsam,
und sie verlangt, dass man sich selbst aushält.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund,
warum die Welt lieber flimmert als spricht.

Ich lese Studien, die behaupten,
dass die Menschheit verdummt,
aber ich glaube, es ist komplizierter.
Wir verlernen nicht das Denken,
wir verlernen nur die Geduld,
die nötig wäre, um Gedanken zu Ende zu führen.
Wir erschaffen uns Realitäten,
die leicht genug sind,
um sie mit einer Hand zu halten.
Und die Medien folgen dieser Bewegung,
als hätten sie Angst,
dass ein zu langer Satz
die Menschen vertreibt.

Trotzdem schreibe ich.
Vielleicht aus Trotz,
vielleicht aus einer alten Gewohnheit,
vielleicht, weil ich spüre,
dass irgendwo zwischen den Zeilen
noch etwas lebt,
das sich nicht in fünf Sekunden
erklären lässt.
Etwas, das sich weigert,
in die neue Ordnung zu passen.
Ein Rest von Tiefe,
ein schwacher Funken,
der nur sichtbar wird,
wenn man lange genug hinsieht.

Und vielleicht ist genau das
der Grund, warum Schreiben
nicht unnötig wird.
Weil es Räume öffnet,
die sonst niemand mehr betritt.
Weil es eine Art leises Archiv ist
für all das,
was die Welt zu schnell vergisst.
Und weil irgendwo,
vielleicht nur ein einzelner Mensch,
doch noch liest
und in diesen Sätzen
eine Schwingung findet,
die ihn daran erinnert,
dass er mehr ist
als ein Daumen auf einem Bildschirm.
 
Hallo Arvid Nacht,

ich habe deinen Text eben mit Begeisterung und gleich zweimal hintereinander gelesen und mehr als eine Schwingung gefunden bzw empfunden. Bei mir ist es auf jeden Fall die Geduld, die mir fehlt oder die ich verlernt habe, weil ich zu leicht ablenkbar bin, um intensiv zu lesen, den Dingen Raum zu geben, sie selbst zu durchdenken oder zu hinterfragen. Natürlich nicht immer, aber leider immer öfter. Was konnte ich mich als Kind in einem Buch vertiefen...Nun, vielleicht kann ich es wieder erlernen. Jedenfalls hat mir "Das leise Archiv" sehr gut verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich Zeit zu nehmen. Danke dafür!

Lieben Gruß, Letreo
 
Hallo Arvid,

Ich sehe die Menschen um mich herum, wie sie ihre Bildschirme streicheln,
als wären diese kleinen Glasflächen die letzten warmen Körper,

beschreibt gut, wie viel Menschen heute Gefühle teilen!

Ich denke, es ist der Schnellläufigkeit unserer Zeit geschuldet, dass viele sich nicht mehr in Bücher vertiefen sondern lieber Videos etc. anschauen. Bei mir hat sich mein Lese- bzw. Schreibverhalten im Lauf der Jahre auch verändert, waren es früher Romane, oder Kurzgeschichten die mich gefangen nahmen, ist es heute lyrische Prosa, die Ich zu Terzetten verdichte, sie bebildere und vertone.
Dabei versuche ich aber weiterhin zwischen den Zeilen Tore für Hintergründiges zu öffnen.
Gern in deine Zeilen eingetaucht und LG
Perry

um in Tiefen oder Höhen
 
Hallo Arvid Nacht
Es ist die Zeit der Verständigung die sich auch verändert hat. Wer dachte er kommt ohne digitale Welt zu Recht
erhält nur noch wenig Informationen es sei denn er ist mit den gedruckten was passiert ist zufrieden. Hörbücher haben die Funktion des Lesens zum Teil übernommen
Und ehrlich gesagt ist länger lesen sehr anstrengend weil man meistens dabei einschläft 😄
Eine gesunde Mischung zwischen aktiv und passiv zu finden kann ganz nützlich sein
 
Hallo Arvid, mit Deinen Zeilen stellst Du nicht nur fest, Du hinterfragst und das ist nicht mehr selbstverständlich in einer Zeit, in der uns alles möglichst schrill und knapp in Happen, die wir ohne zu kauen oder zu schmecken, schlucken sollen, vorgegeben wird. Nur wenige Interessierte nehmen sich die Zeit genauer zu lesen. Meist reichen Schlagzeilen aus, um das Verlangen, informiert zu sein, zu stillen. Diese Entwicklung macht mir ebenfalls Sorgen.
Ich denke, dass wir langsam abstumpfen und das Miteinander verlorengeht, wenn wir nicht gegensteuern, indem wir uns unsere eigenen Gedanken machen und Gefühle zulassen. Wichtig ist es verstehen zu wollen, was zwischen den Zeilen steht und in jedem Gedanken mitschwingt. Lesen bildet, regt Geist und Fantasie an. Es wäre schade, wenn das verloren ginge, denn auch die Sprache leidet darunter und das Verstehen, die Verständigung, schließlich all das Zwischenmenschliche. Nun will sich keiner der Entwicklung entgegenstellen, aber wie mit allem, macht es das gesunde Maß.

Liebe Grüße Darkjuls
 
Liebe Darkjuls,

Deine Zeilen haben etwas, das heute selten geworden ist: ein waches, stilles Hinsehen. Kein Lärm, kein Drängen, nur der Versuch, das Eigentliche nicht aus dem Blick zu verlieren.

Ja, vieles wird uns inzwischen in Stücken gereicht, die man kaum noch schmecken kann. Schlagzeilen ersetzen Gedanken, und das schnelle Weiterwischen wird zur Gewohnheit. Vielleicht stumpfen wir wirklich ab, wenn wir nicht bewusst dagegenhalten.

Lesen - wirklich lesen - ist mehr als Information. Es ist ein Raum, in dem Sprache atmen darf, in dem Zwischentöne hörbar werden, in dem man sich selbst wiederfindet. Wenn dieser Raum kleiner wird, verliert auch das Miteinander an Tiefe.

Ich glaube wie Du, dass Maß und Aufmerksamkeit entscheidend sind. Nicht das Abwehren des Neuen, sondern das Bewahren dessen, was uns innerlich verbindet: Gedanken, die Zeit brauchen, und Gefühle, die nicht im Vorübergehen entstehen.

Danke für Deine Worte. Sie erinnern daran, warum wir überhaupt schreiben und lesen.

Liebe Grüße
Arvid
 
  • Arvid Nacht
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