Lieber Panda,
dein Gedicht hat mich zunächst klanglich und atmosphärisch sehr eingenommen und mich dann erst dazu genötigt, mich inhaltlich eingehender damit zu beschäftigen. So lobe ich mir ein Gedicht! Wenn es im Unterbewusstsein etwas Ungefähres aufwühlt und man zunächst noch gar keinen klaren Gedanken dazu hat, aber dieses Aufwühlen zu stark ist, um es einfach beiseite zu schieben.
Dahingehend war es wohl direkt der Einstieg ins Gedicht, der sofort einen Bann über mich ausübte:
"Weiße Decken dämpfen Worte" - ich wusste sofort, dass da klanglich etwas passiert, aber brauchte eine Weile, bis ich verstanden habe, was: Die Anfangsbuchstaben sind es. W-D-D-W - zwei "bremsende" Verschlusslaute, eingerahmt von zwei weichen Reibelauten, wie Gedanken, die zwischen zwischen den Deckenenden an den Ohren verstummen. Was zunächst wie die Gemütlichkeit kurz vor dem Einschlafen daherkommt, wenn die Seele zur Ruhe kommt, entpuppt sich als mehrbödig:
Zum Einen die Deutung, dass das LD (mutmaßlich ein Liebespartner) das LI tötet: Mit kalter Hand erstickt es das LI im Bett, bis der letzte schwarze Ton alles Denken auslöscht. Interessanterweise wird die Frage aufgeworfen, ob das LI sich von seinem Mörder beherrschen lässt, was suggeriert, dass das LI des Kämpfens überdrüssig ist und den Tod einfach akzeptiert, denn eine Welt, in der dieser unglaubliche Vertrauensbruch möglich ist, scheint nicht lebenswert.
Zum Zweiten könnten dies aber auch einfach Metaphern für das Ende einer Beziehung sein. Das mag sich nämlich wie das Sterben schlechthin anfühlen. Auch hier: Das LI hat das Kämpfen satt und akzeptiert das Unvermeidliche, verkriecht sich unter der Decke, um in einer Welt bestehen zu können, die im Widerspruch zum eigenen Wesen steht. Dabei lässt die Aufforderung "Zeig mir, was ich denken darf!" tief in die Muster einer toxischen, von Manipulation geprägten Beziehung blicken. Der Wunsch, nicht da zu sein, nicht mehr zu denken, ist die logische Folge einer durch Manipulation erzeugten selbstleugnenden Weltsicht.
Drittens könnte es sich aber auch um (möglichweise einseitig gewollten, das LI ausnutzenden) Sex in einer kalten Winternacht handeln, in der das LD sich am LI gerne aufwärmen möchte. Figure that out for yourself! I won't go into detail.
Natürlich ist dann in mir irgendwo der Wunsch, herauszufinden, welche Deutung denn die "richtige" sei. Aber so vieldeutig gefällt es mir eigentlich am besten und so möchte ich es auch gerne für mich stehen lassen. Jedenfalls ist es eine große Kunst, so viele Assoziationen mit einem einzigen Gedicht zu wecken.
Der Liebe/Triebe-Reim hat mich persönlich nicht gestört - vermutlich weil die Triebe hier botanischer Natur sind und das ist irgendwie nicht ganz so abgegriffen, glaube ich.
Eine Stelle hätte ich aber, die du evtl. noch überarbeiten könntest:
Voll von Wein, voll von Gesang?
Ich behaupte nicht, dass es metrisch nicht funktioniert, aber es ist trotzdem eine gewisse Stolperfalle: Ich hätte das zweite "voll" in diesem Vers intuitiv betont gelesen und das würde natürlich das Versmaß sprengen. Erst beim zweiten Anlauf kriege ich die Betonung so hin, wie du es dir vorgestellt hast, muss mich also dazu zwingen. Nicht super schlimm, aber auch nicht optimal. Wie wäre es vielleicht mit folgender Variante?
"Voll von Wein und von Gesang?"
Ansonsten aber super geschrieben!
Gern gelesen.
Liebe Grüße
Schmuddi